Arbeit 4.0Der Mythos vom Sinn der Arbeit

Arbeit soll Sinn stiften. Eine schöne Vorstellung. Die Wahrheit ist: Für die meisten ist Arbeit Maloche, bei der die Angst um den Arbeitsplatz dominiert.

Nach der Gallup-Studie von 2015 sind nur 16 Prozent der Arbeitnehmer mit Herz, Hand und Verstand bei der Arbeit. Die große Mehrheit macht lediglich Dienst nach Vorschrift. Diese Befunde sind nicht wirklich neu. Schon 1844 stellte Karl Marx fest, dass der Arbeiter seine Tätigkeit nicht bejaht, sondern verneint. „Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich.“

120 Jahre später prägt Jürgen Habermas die Begriffe „suspensive“ und „kompensatorische Funktion“ der Freizeit. Gemeint ist, dass Berufstätige in ihrer Freizeit Aktivitäten entfalten, die ihnen das geben, was ihnen die Berufswelt vorenthält: Erfolge, Freude am Tun, Sinnerfüllung, Selbstbestimmung. Auf der Grundlage empirischer Untersuchungen prägten englische Industriesoziologen den Terminus „instrumentelle Orientierung“ der Lohnarbeit. Der Lohn ermöglicht die Befriedigung von Bedürfnissen außerhalb des Jobs. Arbeit ist keine Quelle der Sinnerfüllung, also wird diese außerhalb der Arbeit gesucht.

Wer keinen Sinn sieht, kann auch keinen Sinn vermitteln

Was sind die Ursachen für die sichtbar gewordene Sinnabstinenz? Führungskräfte, die nicht motivieren können? Mitarbeiter, die den tieferen Sinn ihrer Tätigkeit nicht erkennen? Oder ein Arbeitssystem, das mit dem Wesen des Menschen unvereinbar ist? Managementberater sehen die Ursachen im Personal und ermahnen die Führungskräfte, Mitarbeitern den tieferen Sinn ihrer Arbeit zu vermitteln. Damit ist mehr als nur der Zweck, Grund oder Spaß bei der Arbeit gemeint. Der passende Sofortkleber hierzu heißt „transformierende Führung“.

Hier stellt sich die Frage, inwieweit die sogenannten Leader ihrerseits von der Sinnhaftigkeit des Tuns ihrer Vorgesetzten überzeugt sind. Wer keinen Sinn erkennt, kann keinen Sinn vermitteln. Auch muss gefragt werden, ob von außen herangetragene Sinnstiftung möglich ist. Es sei an die wesentlich stärkeren Impulse einer von innen heraus ausgelösten Motivation im Gegensatz zu einer von außen gelenkten erinnert. Sinnerfüllung ist ein höchst individueller Vorgang, der sich eingebettet im Erfahrungsfundus des Menschen und seines Wertesystems vollzieht. In dieses Persönlichkeitsuniversum von außen einzudringen dürfte schwer fallen.

Das Gros der Arbeitnehmer ist am Malochen

Natürlich gibt es viele Arbeiten, die aus sich heraus Sinn stiften. Aber das Gros der Millionen von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten verrichtet tagtäglich das, was man Maloche nennt. Sie arbeiten in einem engen Korsett von Stellen- und Prozessbeschreibungen, von Weisungsrecht des Unternehmers und Treuepflicht des Arbeitnehmers. Viele haben Zeitverträge, arbeiten als Geringverdiener und stocken mit Hartz IV auf, schuften als Dauerpraktikant oder als 450-Euro-Jobber. Sie werden sich ihrer Nutzlosigkeit bewusst, ängstigen sich vor der Zukunft, sind Betroffene dauernder Veränderungen und erleben, wie die wenigen Gewinner den Spieltisch abräumen – während ihnen nur die Reste verbleiben. Diese Menschen fragen nicht nach dem Sinn einer Arbeit, sondern nach einem sicheren Arbeitsplatz.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Glaubt man den Stellenanzeigen der Presse, so vermitteln die angebotenen Arbeitsplätze Sinn, Spaß, Selbstverantwortung, Herausforderungen oder nette Kollegen und Chefs. Natürlich gibt es solche Arbeitsplätze. Aber für die Masse der Menschen ist der Job zuallererst Geldverdienen und erst dann Status, Selbstwertgefühl und Gemeinschaft.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral, schriebt Berthold Brecht. Die einfache Wahrheit ist: Menschen tauschen Geist, Muskeln und Zeit gegen Geld. Das galt und gilt für alle Gesellschaften, den Kapitalismus wie den Sozialismus. Da nützen auch die Sinnpredigten von Trainern und Beratern nichts, die eher das Gegenteil bewirken. Mit etwas mehr Wahrheit könnten sie sinnstiftend sein.

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