Arbeit 4.0Der neue Geist des Kapitalismus

Bunte Büros oder flexible Arbeitszeiten konnten die Fehlentwicklung des Kapitalismus nicht verhindern. Seine Akzeptanz schwindet. Ein neues Modell für unser Wirtschaftssystem ist nötig.

In Paris formiert sich mit „Nuit debout“ („Die Aufrechten der Nacht“) eine neue antikapitalistische Bewegung. Beim Besuch des amerikanischen Präsidenten in Hannover demonstrierten 35.000 Menschen gegen das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU, TTIP. In London gingen 80.000 Menschen für „höhere Löhne“ und gegen „superreiche Parasiten“ auf die Straße. Antikapitalistische Demonstrationen finden fast schon regelmäßig in allen großen europäischen Hauptstädten statt. Es sind vor allem gebildete Jugendliche, die ihre Zukunftssorgen artikulieren. Aber selbst aus dem europaweiten Rechtsblock kommen antikapitalistische Töne. Erleben wir ein Rollback zurück zu den Zeiten des antikapitalistischen Aufbegehrens? 

Die ökonomische Stabilität ist verloren gegangen

Nach der Implosion des sozialistischen Weltsystems war es nicht mehr opportun, in marxistischen Kategorien zu denken oder zu schreiben. Der Kapitalismus stand als das Nonplusultra auf dem historischen Siegertreppchen. Das „Ende der Geschichte“, so der amerikanische Politologe Francis Fukuyama, war erreicht.

Aber nach dem Ende ist vor dem Ende. Seit 1990 etwa geht die ökonomische Rotationsstabilität verloren. Dafür sorgen die Globalisierung, die Informations- und Kommunikationstechnologie und der ungezügelte Finanzkapitalismus, der mit der Bankenkrise 2008/2009 seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Während Investmentbanker weiterhin ihre Turbo-Boni kassieren, werden Sozialhilfeempfänger und prekär Beschäftigte mit Brotkrummen abgespeist. 2011 demonstrierten erstmals Menschen in der Wall Street und 2015 vor der Europäischen Zentralbank gegen den Zockerkapitalismus. Journalisten klatschten Beifall, Politiker zeigten Verständnis. Antikapitalismus wird wieder hoffähig. In diesem Sud keimt eine neue gesellschaftskritische Bewegung jenseits der geschwundenen Arbeiterklasse. Zu den Engagierten gehören Intellektuelle, Kulturschaffende, Sozialaktivisten, Gewerkschafter, die an den Rand gedrückte Mitte und vor allem Studenten.

Dem Kapitalismus geht die geistige Gefolgschaft verloren

Der Kapitalismus ist gezwungen sich neu zu legitimieren, so wie schon einmal, als Teamwork Einzelarbeit ersetzte, Selbstkontrolle Fremdkontrolle ergänzte und Hierarchien durch Netzwerke aufgeweicht wurden. Die französischen Soziologen Boltanski und Chiapello sprachen 2003 in ihrer Großstudie vom „Neuen Geist des Kapitalismus“. Die Blaupause für dieses neue Denken stammte unter anderem von den Vordenkern modernen Managements wie Peter F. Drucker, Robert Blake und Alvin Toffler.

Der „Geist des Kapitalismus 2.0“, moderne Fabriken, bunte Büros, nette Vorgesetzte und flexible Arbeitszeiten, vermochten aber nichts gegen dessen Fehlentwicklungen auszurichten. Die Menschen, die ihn durch ihre Arbeit überhaupt erst realisieren, kündigen die geistige Gefolgschaft. Ein neues und besseres Überzeugungsmodell für unser Wirtschaftssystem ist vonnöten.

Auf der Tagesordnung steht der Kapitalismus 3.0

In den letzten 30 Jahren konnten wir erleben, dass der Kapitalismus kein starrer Monolith des Bösen ist, sondern ein offenes, lern- und anpassungsfähiges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Hiervon ausgehend kann man vermuten, dass die dynamische Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft den Kapitalismus in den kommenden Jahren zwingt, sich im Interesse seines Überlebens immer wieder neu zu häuten und sein Human Resources Management entsprechend „nachzuölen“. Er braucht gesamtgesellschaftliche Akzeptanz, vor allem das mentale OK der werte- und wissensproduzierenden Akteure der Digitalgesellschaft. Auf der Tagesordnung steht der Kapitalismus 3.0.

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