Arbeit 4.0Die armen neuen Selbstständigen

Wer nicht abhängig beschäftigt sein möchte, macht sich als Einzelunternehmer selbstständig. Doch das heißt in der Regel Existenzkampf, wie die Zahlen zeigen.

Viele Berufseinsteiger oder Berufstätige versuchen ihr Glück in der Selbstständigkeit. Sie wollen der „Zwangsjacke“ der beruflichen Abhängigkeit entgehen und ihr eigener Herr sein. Im Normalarbeitsverhältnis existiert ein klares Oben und Unten, arbeitsrechtlich konkretisiert durch die Begriffe Weisungsrecht und Gehorsamspflicht. Doch im Falle der neuen Selbstständigkeit stehen sich, rein formal betrachtet, zwei „gleichwertige“ Unternehmer gegenüber, also im Zweifelsfall der kleine Selbstständige und der mächtige Konzern als Anbieter und potenzielle Kunde. Diese Gleichwertigkeit jedoch entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als die „Freiheit der Unsicherheit“, so der Soziologe Ulrich Beck.

Die neuen Solo-Selbstständigen stellen mittlerweile die Hälfte der rund vier Millionen Selbstständigen. Ihr bisheriges Wachstum war eine Folge des Wachstums des Dienstleistungssektors. Mittlerweile ist dieser Trend eingebrochen. Was sind die Ursachen? Natürlich spielt die relativ stabile Beschäftigtensituation eine Rolle, da Notgründungen weniger werden, aber immer noch einen Anteil von 30 Prozent haben. Andererseits ist der Sprung in die Selbstständigkeit keine Garantie für ein besseres Leben.

An der Schwelle zum Prekariat

Unternehmer gehörten in den Jahren des Wirtschaftswunders zu den Besserverdienenden. Im Gegensatz dazu führen viele Solo-Unternehmer eine fast prekäre Existenz. Sie kassieren Hungerlöhne statt Unternehmerlöhne. Wie schlecht es der Gruppe von „selbstständigen“ Einzelkämpfern geht, belegt die Steuerstatistik: Von den rund 4 Millionen Selbstständigen sind 1,35 Millionen von der Umsatzsteuer befreit, da ihr Jahresumsatz unter 17.000 Euro liegt. 200.000 Deutsche sind nicht krankenversichert – fast alle davon sind Selbstständige.

Nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung hat deutlich mehr als die Hälfte der neuen Selbstständigen weniger Einkommen als im letzten Beschäftigungsverhältnis. Nur wenige Existenzgründer gehören zu den Gutverdienern. Die meisten fristen Kümmerexistenzen. Ihnen fehlt die Einbindung in Netzwerke, Interessenvertretungen oder Kammerorganisationen, so wie bei Ärzten, Apothekern, Architekten und Handwerkern.

Die Selbstständigkeit ist für viele Neu-Entrepreneure eher das kleinere Übel als die gute Chance. Sie sind eine „Sowohl-als-auch-Mischung“ aus Tagelöhner und Subunternehmer. Sie sitzen nicht mehr in Großraumbüros, sondern am häuslichen Schreibtisch, oder dank ihrer Ankoppelungsflexibilität und Mobilität mal in diesem, mal in jenem Unternehmen.

Gründungsbilanz mit hoher Anfangssterblichkeit

Die Politik nutzt Startups als Beweis für die Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft und den Erfolg der Hartz IV-Reformen. So haben sich im Jahre 2014 915.000 Personen selbstständig gemacht, davon aber 522.000 im Nebenerwerb. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bescheinigt dieser Form der Selbstständigkeit aber nur einen sehr geringen Beschäftigungseffekt. Das zeigt sich auch an den geringen Finanzierungssummen, die zu 80 Prozent unter 25.000 Euro liegen. Die Vollerwerbsgründer schufen zwar 293.000 Arbeitsplätze (ohne den eigenen), aber man erfährt nicht, ob es sich um Vollzeitarbeit handelt.

Was die Qualität der Gründungen angeht, so sind diese laut KfW nur zu 15 Prozent als innovativ einzustufen. Nur 2 Prozent der Existenzstarter gründen im Bereich des verarbeitenden Gewerbes, aber 83 Prozent im Dienstleistungssektor. Die KfW spricht von einem hohen Anteil an Versicherungs- und Finanzdienstleistern im Vollerwerb und vermeldet, dass drei Jahre nach einer Gründung ein Drittel der Gründungsprojekte wieder beendet sind. Im weiteren Verlauf bricht mehr als die Hälfte der Neo-Entrepreneure ab, so das Ergebnis anderer Studien.

Gründung als Nullsummenspiel

Das Ergebnis aus Neugründungen und Pleiten ist letztendlich ein Nullsummenspiel. Vor allem deshalb, weil „die große Mehrheit der Gründer (knapp 62 Prozent) nicht-innovative Produkte und Dienstleistungen in nicht wissensintensiven Branchen anbietet“, so die KfW. Aus anderer Quelle ist zu erfahren, dass schon rund 18 Monate nach einer mit Überbrückungsgeld angeschobenen Finanzierung 30 Prozent der Gründer wieder aufgegeben hatten. Aus dem Schmied des Glücks wurde so der Schmied des Pechs.

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