Arbeit 4.0Erfolglose Erfolgssuche

Erfolg ist nicht bloß eine Willensfrage. Daran ändern auch Bücher und Tipps einschlägiger Erfolgsgurus nichts.

4,5 Millionen Deutsche sind so genannte Aufstocker. Die gesellschaftliche Mitte dünnt sich aus. Die „Erfolglosen“ werden mehr. Muss das sein? Es gibt Tausende Bücher und Artikel, in denen die ewig gültigen Gesetze des Erfolgs beschrieben werden. Die Industrie der Ratgeberliteratur hat Dauerkonjunktur. Parallel zu Arbeitslosigkeit und Armut steigt die Zahl von Publikationen und Seminaren zum Thema Erfolg. Die Bücher von Erfolgspropagandisten wie Napoleon Hill, Dale Carnegie oder Robert Murphy wurden Kassenschlager. Doch warum gibt es immer mehr vermeintlich Erfolglose, wenn Erfolg doch so einfach machbar ist?

Wer in den Büchern von Erfolgsgurus à la Höller („Alles ist möglich“) oder Lejeune („Du schaffst, was Du willst“) nach Rezepten gegen Erfolglosigkeit sucht, findet ein Sammelsurium von „Triviali banali“. Hier wird das aufgewärmt, was man morgens auf Kalenderblättern als Spruch des Tages mit auf den Weg bekommt. Die Autoren verschweigen natürlich, dass sich Erfolg und Misserfolg bedingen. Je mehr Menschen dem Erfolg nachlaufen, umso mehr gehen leer aus. Wo es Sieger gibt, muss es Verlierer geben. Wo einer aufsteigt, steigt mindestens auch einer ab. Obwohl es zur Wirksamkeit von Erfolgsrezepten keine wissenschaftlichen Befunde gibt, werden diese wie Tipps zum Schlankwerden weitergegeben. Der Erfolgsprophet, der es vom Tellerwäscher zum Millionär brachte, ist der lebendige Beweis.

Aber selbst die Erfolgsgeheimnisse eines Carsten Maschmeyer („Selfmade. Erfolg reich leben“) ändern nichts daran, dass 99,9 Prozent ein für allemal erfolglos bleiben. Denn der entscheidende Hebel für Erfolg liegt nicht in der menschlichen Psyche. Erfolg und Versagen haben nicht bloß individuelle Ursachen. Erfolg ist zu dynamisch und komplex, als ihn nur auf das einzelne Individuum beziehen zu können. Er ist das Resultat wechselwirkender Kräfte und nicht allein willentlicher Schöpfung. Er ist eine Mixtur aus Zufall, Neugier, Ehrgeiz, Mangel, System, Disziplin, Umfeld und guten Kontakten.

Erfolglose sind auch keine Leistungslosen. Schon in den 1920er-Jahren führte die deutsche Erfolgssoziologie den Unterschied von Erfolg und Leistung ein. Leistung bezieht sich auf ein Sachthema, Erfolg auf den Sozialstatus im Sinne einer Mobilität nach oben. Hier geht es um das Sichdurchsetzen. Es ist somit fragwürdig von Erfolg zu sprechen, wenn jemand ohne eigene Leistung soziales Prestige erlangt. Auch „Glück haben“ gehört dazu. Viele erfolglose Leistungsträger müssen jedoch die Erfahrung machen, dass Leistung für sich allein keinen Erfolg begründet. Hochschulabsolventen mit Prädikatsexamen bemühen sich erfolglos um Lebenschancen. Ihre Leistung ist an Verhaltensnormen gebunden, die den Einsatz der Ellbogen ausschließen. Das erschwert ihre Mobilität nach oben, aber ihnen verdanken wir den Erfolg unserer Gesellschaft.

Dazu im Management-Handbuch

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