Arbeit 4.0Es gibt keine Entschleunigung

Entschleunigung kann in einem von Beschleunigung dominierten Arbeitssystem nicht funktionieren.

In den 1980er- und 1990er-Jahren hatte das Thema Zeitmanagement Hochkonjunktur. Top-Managern legte man gut klingende Bonmots in den Mund, wie etwa dem ehemaligen RTL-Chef Helmut Thoma: „Vieles erledigt sich von selbst, wenn man wartet“. Zeitmanagement war im Trend, wurde aber im Laufe der Zeit wieder zu den Akten gelegt oder Bestandteil von Work-Life-Balance-Angeboten. In Verbindung mit dem Qualitätsmanagement-Hype setzte die Welle der Prozessoptimierungen ein. Im Mittelpunkt stand das Interesse nach Beschleunigung durch eine Verkürzung von Rüst- und Durchlaufzeiten, Vermeidung von Doppel- und Nacharbeit, Reduzierung von Lagerzeiten und Transportwegen. Just-in-Time lautete die Maxime. Nach 2005 wurde das Thema nochmals aktuell. Die exorbitante Beschleunigung in Technik, Wirtschaft und Gesellschaft erforderte Rezepte gegen die Folgen auf Leib und Seele. Doch angeboten wurde alter Wein in neuen Schläuchen.

Es scheint keinen Wirkstoff gegen die Zeitkrankheit zu geben. Das zeigt sich auch im Begriff „Entschleunigung“, der als Alternative zum Zeitmanagement angeboten wird. „Go slow beim Coffee to go“, lautete die Empfehlung. Doch die Entschleunigungspille erwies sich als Placebo, denn Zeitknappheit ist die Folge von Zeitgewinnen dank enormer Fortschritte in Wissenschaft und Technik. Das Internet ist die Turbokraft, die den Lebens- und Wirtschaftsprozess beschleunigt. Es verkürzt den „Time-to-market-Prozess“ und setzt so den Rhythmus unserer Wirtschaft unter Geschwindigkeitsdruck. Inzwischen frisst nicht mehr der Große den Kleinen, sondern der Schnelle den Langsamen. Alles, was dauert, dauert zu lange. Daran ändern auch künstliche Entschleunigungsoasen wie Yogakurse, Klostereinkehr, Downshifting oder Qigong nichts. Vor allem dann nicht, wenn sie dem anschließenden Durchstarten dienen.

Work-Life-Balance versucht, den Mitarbeiter zu „reparieren“. In Wahrheit jedoch ist das Arbeitssystem selbst reparaturbedürftig. Jeder Stillstand durch Reparaturarbeiten aber wäre Selbstmord in der Beschleunigungsmaschinerie. Der „Beschleunigungssoziologe“ Hartmut Rosa schreibt: „Es ist ein strukturelles Problem: Wenn sich die ganze Gesellschaft beschleunigt, kann ich individuell nicht langsamer werden“. Der globale Wettbewerb und die überzogenen Gewinnerwartungen der Shareholder erzeugen immer wieder Zeit-, Kosten- und Leistungsdruck. Niemand kann sich aus dem globalen Wirkungs- und Abhängigkeitsgefüge heraushalten, wenn China, Indien oder Brasilien der Benchmark sind.

Daran ändern auch Pufferzeiten nichts, wie sie von Wirtschaftstrainern empfohlen werden. Die früher propagierte Planzeit-Pufferzeit-Regel – 60 Prozent Planzeit, 40 Prozent Pufferzeit – ist in Zeiten der Beschleunigung und ständiger Verfügbarkeit nicht aufrechtzuerhalten. Sie sollte, wenn überhaupt, auf das Verhältnis 90:10 angepasst werden. Mich erinnert der Kampf um Zeitsouveränität an das Volksleiden Übergewicht, das trotz ständig neuer Titelgeschichten und Wunderdiäten niemals geheilt werden konnte. Analog gilt das Gleiche für das Wirtschaftsleiden Beschleunigung beziehungsweise Zeitknappheit.

Dazu im Management-Handbuch

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