Arbeit 4.0Fata Morgana Fachkräftemangel

Wir haben zu wenig Fachkräfte? Nein. Wenn, dann zu wenig Arbeit.

Der Fachkräftemangel gefährdet Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Uns droht die Apokalypse, wenn es nicht bald gelingt, genügend qualifiziertes Personal zu finden. So oder so ähnlich verkünden es vor allem Unternehmerverbände und Kammern. Da Fachkräfte ein knappes Gut sind und die Nachfrage das Angebot übersteigt, müssten für dieses Gut doch eigentlich die Preise steigen. Tun sie aber nicht. Deutschlands Fachkräfte haben bei der Lohnentwicklung nicht besser abgeschnitten als andere Arbeitnehmer. Die Grundgehälter für Fachingenieure stiegen 2012 nicht mehr als die anderer Berufsgruppen. Bei Investitionsgütern mussten die leitenden Angestellten im zweiten Quartal des Jahres 2011 sogar Reallohneinbußen hinnehmen – und das, obwohl sie händeringend gesucht werden.

Deutschlands Arbeitsmarktexperten – die sitzen bekanntlich im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) oder im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung – sehen für die Zukunft kaum Probleme. Sie verweisen auf die hohe Zahl an Studenten und auf einen jährlichen Bedarf von etwa 30.000 Ingenieuren. Da jährlich mehr als 50.000 Ingenieurstudenten ihr Examen machen, ist der Bedarf leicht zu decken. Bei Maschinen- und Fahrzeugbauingenieuren standen 2010 etwa 23.000 Absolventen zur Verfügung, um die ausscheidenden 9.000 zu ersetzen. Auf etwa 2.700 Chemiker und Chemieingenieure kommen nur ganze 290 offene Stellen. Nicht nur der Ersatzbedarf ist somit gedeckt, sondern die dringend gesuchten Ingenieure hätten auch locker zur Verfügung gestanden. Gegenwärtig gibt es nur wenige Bereiche, in denen es an Fachkräften mangelt. Am ehesten ist das noch bei den Ärzten der Fall. Auch das IAB meint, dass der Rückgang des Arbeitskräftemangels nicht zwangsläufig zu einem Fachkräftemangel im Sinne eines dauerhaften Nachfrageüberschusses gegenüber dem Angebot führt.

Wenn der Fachkräftemangel tatsächlich ein Sprengsatz ist, warum bedient man sich nicht bei den mehr als zwei Millionen unfreiwilligen Teilzeitkräften? Was ist mit den Niedriglöhnern, von denen laut Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) knapp 80 Prozent eine Ausbildung oder sogar ein Studium abgeschlossen haben? Schließlich sind da auch noch rund eine Million Arbeitslose, die älter sind als 50 Jahre und deswegen auf dem Abstellgleis stehen. Wir haben rund 2,8 Millionen offiziell gemeldete Arbeitslose und 440.000 unbesetzte Stellen. Hinzu kommen nochmals gut eine halbe Million, die statistisch nicht erfasst sind. Das Verhältnis beträgt vier zu eins. Sind unter den insgesamt 3,3 Millionen Arbeitssuchenden nicht wenigstens zehn Prozent, die auf offene Stellen passen? Ein großes Potenzial ungenutzter Arbeitskraft in Deutschland, besonders im Osten, wartet darauf, gehoben zu werden. Es scheint also eher ein massiver Arbeits- und weniger ein Arbeitskräftemangel zu herrschen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine interessengeleitete Phantomdebatte auf dem Rücken und zum Nachteil der Arbeitnehmer ausgetragen wird.

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