Arbeit 4.0Griff nach der Seele

Berater und Coachs haben Spiritualität und Esoterik als Geschäftsfeld entdeckt. Tiefenbohrungen in der menschlichen Seele – des wirtschaftlichen Ertrages wegen.

In der frühen Industriegesellschaft spielte muskelbasierte Arbeitskraft die wichtigste Rolle. Später trat die Intelligenz an ihre Seite. In der wissensbasierten Wirtschaft wird sie durch Wissen, Kreativität und Eigenverantwortung ergänzt. Die von der Industriegesellschaft gezogenen Grenzen von Arbeit und Freizeit, von Beruf und Hobby, zerbröseln. Nicht mehr nur Hände und Hirn, sondern der ganze Mitarbeiter soll sich als Mensch in die Arbeit einbringen. Individualität wird nicht mehr als Störfaktor gesehen, sondern soll als Stimulus für die noch ungenutzten Leistungspotenziale in Herz, Seele und Verstand genutzt werden.

Das reicht vielen Unternehmensberatern nicht. Sie erklären unverblümt, dass auch spirituelle Tiefenerfahrungen im Arbeitsalltag produktiv nutzbar zu machen sind. Aus einer auf spirituelles Management spezialisierten Beratergruppe ist zu hören: „Bleibt sie (die Spiritualität) Privatsache, wird nicht das ganze Potenzial der Person abgerufen“. Eine Managementberaterin betont die Wichtigkeit, „die volle Bandbreite menschlicher Potenziale im Business zu nutzen“. Darum müssen Unternehmen „auch aus ... der spirituellen Intelligenz schöpfen“. Sie hat prominente Verbündete, allen voran den Benediktinerpater Anselm Grün, Deutschlands teuersten Honorarprediger und vielbeschäftigten Spezialisten für das Seelenheil spirituell unterernährter Mitarbeiter und Manager. Nunmehr soll auch die Spiritualität des Menschen in den Arbeitsprozess eingehen. Die letzten Schutzwälle der Privatsphäre und menschlichen Würde werden eingerissen. Arbeit- und Freizeitwelt sollen via Spiritualität produktiv noch intensiver zusammenwachsen.

Wenn Motivation und Teamwork nicht die erhoffte Wirkung zeigen, liegt es nahe, neue Quellen anzuzapfen. Tiefenbohrungen in die Spiritualität könnten Ertrag bringen, vor allem im Mix mit anderen Psycho-Rezepturen wie positives Denken, Zielsetzung oder NLP-Zustandsmanagement. Auch die Happyologie (Mood-Management) ist in diesem Zusammenhang zu nennen, denn Spiritualität ist ein Vehikel hin zum Glück und glückliche Mitarbeiter sind produktiver als Alltagsmenschen. Spiritualität steigert die Anpassung an das betriebliche Hierarchiegefüge, da sie das Oppositionelle im Menschen dämpft. Mit der geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit erkennt man den tieferen, übergeordneten Sinn aller Dinge. So wird der Interessenswiderspruch zwischen Arbeitnehmer und Unternehmer mit dem Hinweis, beide seinen „Geschöpfe Gottes“, im Handumdrehen auf eine scheinbar höhere Ebene verlagert.

Trainer und Coachs forcieren Spiritualität. Ein neues Geschäftsfeld entsteht. Sie haben Verbündete. In den Weiterbildungsabteilungen von Unternehmen trifft man auf Gleichgesinnte, die den spirituellen „Seelsorgern“ und „Predigern“, den esoterisch angehauchten Beratern, Coachs und Trainern Tür und Tor öffnen. Manche PE-Abteilungen sind wahre Biotope für esoterischen Psycho-Humbug und spirituellen Firlefanz. Wir sind Zeugen der Abkehr von Wissenschaftlichkeit und Vernunft und erleben den Griff nach der Seele. Sie soll den Anforderungen des Marktes entsprechend gestaltet werden. In der PE-Zunft sind Leute am Werk, die das Rollback der Aufklärung betreiben. Vielleicht hat es sich bis in diese Kreise noch nicht herumgesprochen, dass wir den gesellschaftlichen Fortschritt, eingedenk aller Probleme, die damit verbunden sind, der Vernunft, Aufklärung und Wissenschaft verdanken. Zum Glück fehlt Geschäftsführern und Vorständen in Unternehmen die Sachkenntnis oder das Interesse, sich intensiver mit dem zu beschäftigen, was ihre PE-ler alles so ausbrüten. Sie müssten sonst feststellen, dass finanzielle Ressourcen kontraproduktiv eingesetzt werden.

Dazu im Management-Handbuch

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