Arbeit 4.0Hierarchie hält sich

Hierarchie war und ist das grundlegende Strukturmodell der Wirtschaftswelt. Sie wird weniger werden, aber nicht verschwinden.

Die Schnelligkeits- und Flexibilitätserfordernisse des Marktes und der IKT-Vernetzung unterminieren eine alte Regel: Mitarbeiter, die mit dem Vorgesetzten einer anderen Abteilung kommunizieren wollen, müssen den Weg über den eigenen Chef gehen. Jede Zwischenstation auf der Leiter nach oben im Unternehmen A und wieder herunter in der Firma B kostet Zeit, Geld und birgt die Gefahr von Übertragungsfehlern. Wenn ein anderes Unternehmen der Kunde ist, kann man es nicht wie einen Endabnehmerkunden behandeln.

Im Kontakt zwischen Unternehmen, vor dem Hintergrund notwendiger Abstimmungen, verlieren Hierarchien ihre Konturen. Der Kunde interessiert sich nicht für Titel wie Abteilungsleiter, Direktor oder Manager, sondern für die bestellte Ware. Nicht der Hierarch, sondern der Markt kontrolliert. Das findet seit einigen Jahren seinen Ausdruck in auf den Kopf gestellten Organigrammen mit dem Kunden an der Spitze. Sie dienen aber eher der Werbung und Bewusstseinsbildung bei Mitarbeitern, weniger der Abbildung der betrieblichen Realität.

Mit zunehmender Web 2.0-Vernetzung verändern sich auch die Hierarchien. In der eigenen Abteilung ist das Oben und Unten eindeutig, in der Web 2.0-Umgebung jedoch nicht. Der Kollege einer ausländischen Niederlassung weiß nicht, wer sein Projektpartner in Hamburg ist. Für ihn ist allein dessen Kompetenz der soziale Bezugspunkt, die aber nicht mit der Hierarchie übereinstimmen muss. Vielleicht stammen die klügsten Beiträge vom untersten Mitarbeiter? Natürlich wird es auch weiterhin Kontrollen durch übergeordnete Instanzen geben, aber Spezialisten sind anders zu kontrollieren als das Gros der Beschäftigten. Wie will ein Vorgesetzter kontrollieren oder etwas beurteilen, wenn nur der Spezialist weiß, was Sache ist? Er wird sich auf eine Kontrolle der Wirksamkeit der Selbstkontrolle durch den Mitarbeiter beschränken müssen.

In größeren Organisationen wird man auch in den nächsten Jahrzehnten noch auf spezialisierte Rollenträger stoßen, die sich CIO oder Werksleitung nennen. Ähnlich einem Orchester bedarf es hier der Koordination dutzender Instrumentalisten durch den Dirigenten. Dirigieren und Musizieren sind keine Gegensätze, sondern nur unterschiedliche Tätigkeiten an einer gemeinsamen Aufgabe. Letztendlich ist Hierarchie ein Stück Organisation. Sozialgebilde jedweder Art sind ohne Organisation nicht wirksam. Strukturen bieten Effizienzvorteile, die es ohne hierarchische Organisation nicht gäbe. Irgendwer muss auch handels- und arbeitsrechtlich verbindliche Unterschriften leisten, etwa bei Personaleinstellungen oder Steuererklärungen.

Hierarchie war und ist das grundlegende Strukturmodell der Wirtschaftswelt. Sie wird weniger, aber wohl kaum verschwinden. Dafür sorgt unter anderem das deutsche Arbeitsrecht, das mit den Rechtsnormen „Weisungsbefugnis des Vorgesetzten“ sowie „Treuepflicht des Mitarbeiters“ den hierarchischen Charakter des Arbeitsverhältnisses zumindest von juristischer Seite her noch für sehr lange Zeit festschreibt. Hier wird nicht nur ein Rechtsverhältnis, sondern auch ein Kräfteverhältnis beschrieben und festgelegt: die Unterstellung eines freien Menschen unter die Macht eines anderen. Hinter der formalen Vertragsfreiheit des Arbeitnehmers steht der Zwang zum Überleben.

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