Arbeit 4.0Ich bin dann mal weg

Abwechslung hier, permanente Erreichbarkeit da. Lust und Last von Dienstreisen.

Mitarbeiter wechseln Projekte, Teams und Unternehmen. Der Laptop ist Schreibmaschine, Telefon und Aktenschrank gleichermaßen. Mal wird im Büro, mal im ICE gearbeitet, dann wieder im Hotel, und oft nach 18 Uhr in den eigenen vier Wänden. Arbeitsplatz und Wohnstätte verlieren ihre ursprüngliche Zweckbestimmung. Es herrscht „Überallarbeit“. Ohne Mobilität würde die Wirtschaft nicht mehr funktionieren.

Weil im „Hyperwettbewerb“ Kundenservice immer wichtiger wird, muss gereist werden: Anlagen in Betrieb nehmen, warten und reparieren, Software installieren oder Beratungen und Schulungen durchführen. Gereist wird zu Messen, Seminaren und Kongressen, zu Betriebsstätten, Filialen und Tochterunternehmen. Dienstreisende sind gefragte Repräsentanten ihres Unternehmens, müssen sich in den Kunden einfühlen, Angebote präsentieren, smalltalken, Konditionen verhandeln und geschäftsfördernde Beziehungen aufbauen. Sie handeln auf unbekanntem Terrain, müssen auf Unvorhergesehenes reagieren und Entscheidungen treffen, die ihnen sonst ihr Vorgesetzter abnimmt. Wer dienstlich auf Reisen geht, tut das mit einer Portion Vertrauensvorschuss im Gepäck, denn er bewegt sich außerhalb des Kontrollbereichs des Vorgesetzten. Endlich dem täglichen Einerlei im Büro entfliehen, neue Eindrücke sammeln – fast wie im Urlaub. Dazu noch neue soziale Kontakte knüpfen, die nicht nur fürs Geschäft nützlich sind, sondern vielleicht auch für einen neuen Job. 

Doch auch das sind Dienstreisen: Leben aus dem Koffer, Stammgast in Hotels, Staus, Zug- und Flugverspätungen. Ständiges Reisen beeinträchtigt das Engagement im Sportverein, die Stammtischfreundschaften und das Engagement im Lions Club. Und dann das Handy: Der Tempomacher bleibt natürlich permanent auf Empfang, am besten mit dem Stöpsel im Ohr. Noch spät abends wird der Tagesbericht geschrieben und an die Zentrale gemailt. „Eine virtuelle, von uns selbst geschaffene Macht gibt inzwischen das Tempo vor. Wir passen uns an. Sie katapultiert uns aus der Gegenwart, sie hat die innere Uhr ersetzt. Die Gegenwart stirbt im Takt des Tastendrucks“, schrieb Stefan Berg 2011 auf Spiegel-Online.

Wie wahr: Demnächst werden Dienstreisende wohl übers Firmenhandy geortet und die Zentrale gibt noch während der Reise neue Besuchstermine oder Aufträge in den an den Firmenserver angedockten Laptop ein. Selbst der Vertrauensvorschuss kann so zum Stressor werden. Dabei würde der Job-Traveller nur allzu gern sein Engagement zeigen, beweisen, dass das in ihn gesetzte Vertrauen gerechtfertigt ist. Doch niemand bekommt die freiwilligen Überstunden mit, und was zum Teufel fängt man nur mit der dreistündigen Siesta an?

Solche Lasten einer Dienstreise werden in der Regel nicht thematisiert, schließlich gehört Mobilität zum modernen Kapitalismus dazu. Ihr Stellenwert zeigt sich in Reiserichtlinien, Vertragshotels und unternehmensinternen Reisebüros. Dienstreisen sind längst kein Privileg mehr. Sie sind auf dem besten Weg, ihren exklusiven Status und damit ihren Reiz zu verlieren.

Dazu im Management-Handbuch

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