Arbeit 4.0Kaffeesatzleserei

Die Trendforschung hat Dauerkonjunktur. Doch Zukunftsvisionen haben ein kurzes Verfalldatum.

Kaiser Wilhelm II. wollte es 1910 genau wissen: Bekannte Wissenschaftler und prominente Zeitzeugen sollten die Welt im Jahre 2010 prognostizieren. So „erkannte“ zum Beispiel der sozialdemokratische Cheftheoretiker Eduard Bernstein, die politische Herrschaft werde in den Händen der Arbeiterklasse liegen. Prof. Everard Hustler bejubelte die Segnungen des Radiums, das uns ein „Zeitalter völliger Kranklosigkeit“ und „ewiger Jugend“ beschere. Regierungsrat Rudolf Martin aus dem Kriegsministerium sah einen Weltkrieg zwischen Europa, China und Japan voraus, den Europa dank seiner 15.000 Zeppeline umfassenden Luftflotte gewinnt.

Auch ernst zu nehmende Wissenschaftler unserer Epoche hatten Probleme mit der Zukunftsschau. So schrieb der Mitbegründer der Futurologie, Ossip K. Flechtheim, 1973 im Manager Magazin: „Eine Rückkehr der kommunistischen Länder zum Kapitalismus ist so unvorstellbar wie etwa nach der Französischen Revolution eine Rückkehr zur feudal-agrarischen Gesellschaft.“ Im Bestseller des Jahres 1965, „Die amerikanische Herausforderung“, meinte Jean-Jaques Servan-Schreiber, um das Jahr 1990 herum würden vier Fünftel der globalen Produktion von höchstens 15 multinationalen US-Konzernen abgedeckt. Von 1990 an bombardierte Gerd Gerken die Deutschen mit Zukunftsoptimismus. Er sah eine Chanceninflation auf die deutsche Gesellschaft zukommen. Für 2015 verkündete er die Rückkehr ins Paradies: Die Deutschen würden nur noch 25 Stunden pro Woche arbeiten und in einer harmonischen Freizeitgesellschaft leben. Alle Aggressionen würden im Cyberspace ausgetragen. Machtkämpfe und Revolten gehörten der Vergangenheit an.    

Trotz diverser Fehlprognosen hat die Trend- und Zukunftsforschung Dauerkonjunktur – und wird es immer haben. Die Unsicherheit über die Zukunft verstärkt den Wunsch nach Orientierung. Für den französischen Historiker Georges Minois erfüllen Zukunftsverkünder eine „therapeutische Funktion“. Ihre Vorhersagen beruhigen, geben Zuversicht, entlasten die Seele oder regen zum Handeln an. Hier lag und liegt die Chance von Zukunftsverkündern. Man wünscht sich Aussagen über die Wirtschaftsentwicklung, Naturereignisse und Kriegsverläufe. Schon damals galt: Die Autoren mit den besten Geschichten über die Zukunft haben immer auch eine eigene gute Zukunft. Aber Zukunftsvisionen haben ein kurzes Verfalldatum, ähnlich Milchprodukten.  

Die historische Erfahrung zeigt, dass die Zukunft sich nicht in die Karten schauen lässt. Wir können zwar Vieles extrapolieren, aber die gesellschaftlichen Wirkungsverläufe ähneln einem Würfelspiel mit mehr als drei Würfeln. Der Weg von der Gegenwart in die Zukunft ist mit unvorhersehbaren Ereignissen gepflastert, die eine genaue Wegbeschreibung verhindern. Die „Selbstläufigkeit der Gesellschaft“ (Nikolas Luhmann) führt die sogenannte Zukunftsforschung zwangsläufig in den Irrgarten und verleitet sie dazu, im Kaffeesatz zu lesen. Jemand, der heute in den diversen Zukunftsbüchern der 1980er-Jahre nachliest, reibt sich verwundert die Augen und muss an Karl Valentin denken: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ 

Dazu im Management-Handbuch

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