Arbeit 4.0Markttotalitarismus

Elemente des Marktes fließen immer stärker in normale Lebenswelten ein. Brüderlichkeit war gestern, Business ist heute.

Immer häufiger trifft man auf den Unternehmer im Unternehmen, den unselbständig Selbständigen: Hermes-Zusteller mit eigenem Auto, Bofrost-Fahrer, Außendienstmitarbeiter auf Provisionsbasis. Die Fachliteratur verwendet dafür den wenig schön klingenden Begriff „Vermarktlichung“. Einerseits geht es dabei um eine verstärkte Ausrichtung am Markt, andererseits um die Nutzung von Marktmechanismen als Leistungsstimuli.

An die Stelle des kontrollierenden, belohnenden und bestrafenden Vorgesetzten ist der Markt in seiner Rolle als Universalregulator getreten. Der Druck aus unzureichenden Verkaufszahlen ist unangenehmer als die Kontrolle durch den Vorgesetzten. Dieser Prozess der Mitverantwortung für den Geschäftserfolg wurde schon zu Beginn der 1980er Jahre eingeleitet. Unternehmen schufen Profit Center, und Abteilungen waren gezwungen, ihre Leistung unternehmensintern und -extern zu verkaufen, um so zur Profitabilität beizutragen. Der Markt beginnt dabei in der eigenen Abteilung, und Mitarbeiter werden in die Ertragspflicht genommen. So hart wie der Markt ist, so hart sollen auch die Mitarbeiter sein. Vom Mitarbeiter zum Mitunternehmer lautet die Parole. Diejenigen, die diese Transformation vollzogen, galten fortan als „Intrapreneure“, als Impulsgeber für die innere Vermarktlichung.

Diese Vermarktlichung entstand durch die intensive Nutzung des technologischen Rationalisierungspotenzials Ende der 1980er Jahre. Weil die Humanressourcen noch nicht ausgeschöpft waren, brauchte man fachlich und sozial kompetente Mitarbeiter mit einem weit gefassten Entscheidungs- und Handlungsspielraum. Getreu dem Leitsatz der New Economy: „Macht, was ihr wollt, aber seid profitabel!“ In der Folge verlieren die vertrauten Koordinaten der traditionellen Industriegesellschaft – Entscheidungen top-down, Linienorganisation, Zentralisation, Fürsorge- und Gehorsamspflicht – ihre Konturen. Hierarchische Kontrolle wird durch indirekte Steuerung ersetzt. Kennzahlen, Guidlines, Policies, Zielvereinbarungen und Leitbilder treten an die Stelle der Anordnungen von oben. 

Diese radikale Vermarktlichung der „Industrial Relations“ führt zur Umgestaltung der traditionellen Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit. Dafür sorgen die Renditeerwartungen der Finanzinvestoren und der von ihnen ausgehende Druck. Schließlich müssen Tilgung und Zinsen für das Finanzinvestment aus dem laufenden Geschäft bezahlt werden. Das gleicht oft dem Auswringen des letzten Tröpfchen Wassers aus der halbtrockenen Wäsche. Fazit: Entstaatlichung und Privatisierung sind Ausdrucksformen einer unaufhörlich voranschreitenden Vermarktlichung. Marktförmige Elemente strömen immer öfter in die normalen Lebenswelten ein. Ob Sterbebegleitung, Hausarbeitenhilfe oder Partnerschafts- und Lebensberatung – Brüderlichkeit war gestern, Business ist heute.

Dazu im Management-Handbuch

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