Arbeit 4.0Mittelschicht in Panik

Wer früher als Angestellter oder Facharbeiter etwas galt, ist heute entbehrlich und ersetzbar. Die Folge: Angst vor sozialem Absturz – gerade in der Mittelschicht.

Techniker, Ingenieure, Wissenschaftler, kaufmännische Angestellte mit Führungsverantwortung, IT-ler, Beamte oder Freiberufler – sie alle zählen sich zur Mittelschicht. Sie sind weder reich noch arm, weder privilegiert noch unterprivilegiert. Es sind Menschen mit guter Bildung, gutem Einkommen und frei von körperlicher Arbeit. Wer in Deutschland zwischen 2.600 und 5.000 Euro brutto verdient, zählt statistisch zur Mittelschicht. Im Jahre 2000 wurden noch 64 Prozent der Deutschen der Mittelschicht zugeordnet, 2010 nur noch 58. 2025 werden es, so schätze ich, nur noch 40 Prozent sein.

Angst vor dem sozialen Abstieg

Wer sich der Mittelschicht zuordnet, sagt damit indirekt „ich bin gut genug“. Doch die gesellschaftliche Mitte muss um ihren Platz fürchten. Sie wird mehr und mehr an den Rand hin zur Schattenseite gedrückt. Wer oben ist, bleibt oben, wer unten ist bleibt unten – die Mitte aber erodiert. Noch nie war die Gefahr des Absturzes und des Prestigeverlustes so groß wie heute. Die Hoffnung des Aufstiegs auf der Sozialleiter weicht der Angst vor dem Abstieg. 1984 empfand nur ein Viertel der Bevölkerung die Sicherung des Lebensstandards als Problem. Heute ängstigt sich die Hälfte vor dem sozialen Niedergang. Man weiß: Abwärts geht es schneller als aufwärts. Statuspanik. Niemand muss sich vor Hunger und Kälte fürchten, wohl aber vor Ausgrenzung. Entwickeln wir uns zur „Republik der Mitte-Losen“, wie einmal auf „Spiegel Online“ zu lesen war?

Vor zwei Jahrzehnten noch war die Mitte eine stabile gesellschaftliche Gruppe. Eine weltweit diskutierte Studie des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty weist nach, dass die Mittelschicht im vergangenem Jahrzehnt starke Einkommens- und noch stärkere Vermögensverluste hinnehmen musste. Die offizielle Statistik verwendet dafür gerne den Medianwert, wonach jeder deutsche Haushalt über ein Nettovermögen von 51.400 Euro verfügt. Doch dieser Wert wird durch das reichste Prozent deutscher Haushalte verfälscht, welches 32 Prozent des deutschen Gesamtvermögens hält.

Entbehrlich und ersetzbar

Die von liberalen Politikern als „Leistungsträger“ betitelten Schichten fühlen sich ebenso benachteiligt wie die soziale „Unterkaste“, da letztere vom Steueraufkommen der sozialen Mittelklasse alimentiert wird. Wer um die 50.000 Euro brutto Jahreseinkommen verdient, hat ein hohes Steueraufkommen, aber ohne die fiskalischen Gestaltungsmöglichkeiten, über die die unternehmerische „Oberkaste“ verfügt. Dieser Mittelstandsbauch nährt die sozialen Sicherungssysteme. Da wird man leicht anfällig für Wahlparolen wie „Leistung muss sich wieder lohnen“, und versucht, sich mit Seinesgleichen sozial abzuschotten. Der Pädagoge Wilhelm Heitmeyer meint: „Wer Angst vor dem Abstieg hat, wer befürchtet, morgen nutzlos zu sein, der wird Schwächere abwerten, um sich damit zu beweisen, dass noch jemand unter ihm auf der Leiter steht.“

Als Folge dieser Entwicklung verändert sich auch das klassische Familiengefüge mit der auf den Ehemann zugeschnittenen Ordnung. Er kann nur noch beschränkt seine produktive Hauptrolle wahrnehmen. So wie Normalarbeitsverhältnisse erodieren, so zerbröseln auch Familien- und Lebensbiografien. Die Erosion der Mitte nagt am Familienmodell. Frustration und Resignation machen sich breit. Früher, da war man wer, sei es als Facharbeiter, Angestellter oder als Führungskraft. Heute ist man entbehrlich. Der Chef beklagt den Facharbeitermangel, während er im gleichen Atemzug zum Mitarbeiter sagt: „Wenn es Ihnen hier nicht passt, können Sie ja gehen. Es gibt genug, die gerne ihren Platz einnehmen würden.“

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