Arbeit 4.0Persönlichkeitstrainings bringen nichts

Menschen sind gefühlsgetrieben. Wozu also Geld für die Entwicklung der Persönlichkeit von Mitarbeitern und Managern ausgeben?

In Verhaltenstrainings und Persönlichkeitscoachings für Mitarbeiter und Manager wird sehr viel Geld investiert. Die Trainer und Coaches leben von dem Glauben ihrer Kundschaft, dass Persönlichkeit entwickelbar sei. Seit einigen Jahren aber mehren sich die Zweifel an der Wirksamkeit dieser Coaching- und Trainingsrezepte sowie Testverfahren, die Persönlichkeitsentwicklung als Indikation angeben. Ein radikal neues und wissenschaftlich fundiertes Denken sickert von der Neurowissenschaft in die Weiterbildungsszene und zwingt zu Antworten auf Fragen wie: Ist Persönlichkeit veränderbar? Kann man den Willen trainieren? Sind wir vernunft- oder gefühlsgetrieben?

Noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts dominierte die Auffassung des Primats der Umwelt und Erziehung: Das Sein prägt das Bewusstsein. Sie kann zu den Akten gelegt werden, denn Gene und Mutterleib spielen eine größere Rolle für die Persönlichkeitsbildung als bisher angenommen. Damit stellt sich die Frage, wer mehr Einfluss auf unser Verhalten hat: das Unterbewusste oder Bewusste, das Gefühl oder der Verstand? Im Sinne der Aufklärung lautet die Antwort: der im Großhirn angesiedelte Verstand. Irrtum! Das limbische System ist die Kommandozentrale. Hier werden die Persönlichkeitsstrukturen eines Menschen entscheidend geprägt und von hier aus werden Denken, Wollen und Handeln gesteuert. Grundlage ist eine unterbewusste Bewertung von „gut“ oder „schlecht“, „erfolgreich“ oder „erfolglos“ – und die damit einprogrammierten Positiv- oder Negativgefühle. Alles, was Vernunft und Verstand als Empfehlung abgeben, muss für den Entscheider emotional akzeptabel beziehungsweise eingebettet sein. Ohne Gefühl geht nichts. Gefühl ist der automatische On-Off-Schalter.

Subjektiv erleben die Menschen ihr Handeln als bewusst und frei. Das aber ist eine Illusion. Die Werbung spielt schon lange auf dieser Tastatur. Sie verführt unser Unterbewusstsein zu Entscheidungen, von denen wir meinen, wir hätten sie frei getroffen. Die unbewussten Prägungen wirken wie ein Gerippe, die Persönlichkeitsveränderungen blockiert. Das Gewohnte ist vertraut, es belohnt mit guten Gefühlen. Die Parole aus der neurologischen Ursuppe lautet: Weitermachen wie bisher. Warum soll man sich ändern, wenn man es im Stile eines wilhelminischen Oberlehrers bis zum Abteilungsleiter gebracht hat?

Das erklärt auch, warum Ratgeberliteratur zum Thema Persönlichkeitsentwicklung zumeist wirkungslos bleibt. Nach kurzer Zeit übernehmen wieder die alten Gewohnheiten das Kommando. Der Grund: Unser innerer Schweinehund will unmittelbare Belohnung. Alles muss schnell und leicht gehen. Führungstrainer und Coaches, die mit Begriffen wie Persönlichkeitsentwicklung und Verhaltensänderung herum schwadronieren, sind gut beraten, ihre Angebote mit den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung abzugleichen. Unternehmen, die für diese Themen noch immer Geld ausgeben, sollten gründlich nachfragen, was angeblich entwickelt und verändert werden soll und mit welcher nachhaltigen Wirkung. Die Antworten werden schwammig ausfallen.

Dazu im Management-Handbuch

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