Arbeit 4.0Schlauer durch YouTube

Schon bald könnte es eine neue Form der betrieblichen Weiterbildung geben: das „YouTubinar“.

Webinare haben sich auf der Grundlage von Web 2.0 als Plattform für Bildung und Weiterbildung etabliert. Sie sind trotz ihrer Kinderkrankheiten eine zukunftsträchtige Lehrform. Noch mehr Potenzial jedoch steckt in YouTube, das neben Wikipedia das weltgrößte Wissensangebot bietet. Neben Sport, Musik, Spielen, Gesundheit und anderen Kanälen stehen über 4.000 Kanäle des Themenbereiches „Wissenschaft und Bildung“ zur Verfügung. Sehen wir uns den Bereich „Betriebswirtschaft“ an. Darüber, wie viele Kanäle oder Videoclips es dazu gibt, existiert keine öffentliche Statistik. Doch allein zum Thema „Projektmanagement“ bietet YouTube zirka 6.600 Videoclips an. Für „Marketing“ sind es gar rund 6,2 Millionen, darunter knapp 3.200 allein zum Thema „Marketinggrundlagen“.

Was früher der Fernlehrbrief war, könnte künftig der YouTube-Clip werden. Das Angebot dieser weltgrößten „Fernlehrschule“ ist unerschöpflich. Sie muss nur als solche erkannt und genutzt werden. In der Masse trifft man auch auf die gewünschte Klasse. Lernhungrige können sich quasi „in der ersten Reihe“ sitzend Vorträge von Nobelpreisträgern ansehen oder die gespeicherte Hochschulvorlesung einer Elite-Universität anklicken. Mit diesem Potenzial empfiehlt sich YouTube als Speicher, Lieferant und Transportkanal auch für Inhalte der betrieblichen Weiterbildung. Die Aufgabe der Personalentwickler besteht in der Auswahl und Systematisierung von YouTube-Clips sowie der Betreuung von Lernenden.

Leider zeugt es von keiner großen Kreativität unserer Personalentwickler, dass sie das gewaltige Potenzial der Lernplattform YouTube nicht nutzen. Sie bewegen sich vielmehr in den Denkschablonen von Seminar und Coaching. Bei freiberuflichen Referenten ist das verständlich, denn wer tritt seine gut honorierte Rolle schon gern an die Cyberdozenten ab. Weniger nachvollziehbar ist es bei angestellten Bildungsverantwortlichen, die zwar gern von Innovation reden, aber konventionell denken. Die digitale Revolution wird sie überrollen. Virtuelle Klassenräume könnten innenarchitektonisch und lernpsychologisch aufgerüstete Seminarräume verdrängen. Der Vorteil des Lernens am „YouTube-Buffet“ gegenüber Webinaren besteht in der zeitlichen Ungebundenheit. Das Webinar beginnt zu einem festen Zeitpunkt. Wer nicht teilnehmen kann, versäumt möglicherweise wichtige Lehrinhalte. YouTube steht Tag und Nacht zur Verfügung. Beim Webinar muss der Lernende den vom Lehrer gewollten Themenablauf akzeptieren. Beim „YouTubinar“ kann er das Video beliebig oft abspielen. Die Teilnehmer sind weitgehend frei, die Reihenfolge von Themen zu bestimmen.

Lernen mittels Videoclips ermöglicht, den Lernprozess den persönlichen Anforderungen und Umständen anzupassen. Auch der Landwirt in der Uckermark kann sich jetzt an langen Winterabenden onlinebasiert weiterbilden, ohne zeitraubende Anfahrtswege in Kauf nehmen zu müssen. Der Cyberspace ist der Hörsaal. E-Learning bietet sich gerade in Phasen des Rotstifts als kostengünstige Alternative zum traditionellen Präsenzseminar an. Die hohen Kosten für die An- und Abreise der Teilnehmer und gegebenenfalls Hotelunterbringung nebst Verpflegung entfallen. Das Kostenargument wird, wie so oft, das Qualitätsargument schlagen. Die Abwesenheit von der Arbeit verteilt sich auf mehrere Einzelstunden, nicht aber auf volle Seminartage. E-Learning ist bei Bedarf schnell realisierbar, während ein Seminar in der Regel einen längeren Planungsvorlauf erfordert. „YouTubinare“ sind also ein unentdeckter Schatz. Wird er gehoben, hat er eine große Zukunft.

Dazu im Management-Handbuch

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