Arbeit 4.0Teilen statt besitzen?

Die Sharing Economy könnte zu einer Total-Kommerzialisierung des Alltags führen.

„Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ lautet der gewöhnungsbedürftige Titel eines vielbeachteten Buches. Autor: der US-amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin. Grenzkosten, besser als Stückkosten vorstellbar, steigen beziehungsweise sinken durch die Produktion einer jeden zusätzlichen Einheit eines Produkts. Kann das Unternehmen täglich nur wenige Produkt verkaufen, hat es hohe Grenzkosten, denn die Maschine könnte eigentlich mehr produzieren. Je mehr Produkte und je größer die Produktivität, um so geringer die Grenz- beziehungsweise Stückkosten. Handelt es sich um nichtmonopolistische Anbieter, sind sie gezwungen, ihre Kostenvorteile an die Kunden weiterzugeben, um ihre Marktanteile zu sichern. Ihre Profitabilität nimmt dabei aber so sehr ab, dass der Kapitalismus seinen Zweck der Kapitalverwertung nicht mehr einzulösen vermag. Er wird Opfer des technologischen Fortschritts und mit ihm die Jobs.

Macht aber nichts, meint Rifkin, denn die Menschen werden zu „Prosumenten“, die ihren Bedarf in einer Art genossenschaftlicher Tauschwirtschaft selber produzieren und über das Internet distribuieren. 3D-Drucker werden zur Jedermann-Universalmaschine, die genauso zum Haushalt gehört wie die Bohrmaschine. Produzierende Massen statt Massenproduktion, so Rifkins Credo. Das „Internet der Dinge“, so der Untertitel seines Buches, und die damit verbundene Sensorik wirken produktivitätssteigernd und somit grenzkostenminimierend. Mit dem Internet der Dinge ist die elektronische Vernetzung von Gegenständen des Alltags gemeint. In diesem Super-Internet verschmilzt das Kommunikationsnetz mit kostenlosen Energie- und vollautomatischen Logistiknetzen zu einem Megasystem. Es ist zugleich die infrastrukturelle Grundlage der Null-Grenzkosten-Gesellschaft.

„Collaborative Commons“ statt Unternehmen

Dieser Prozess geht mit einem Bewusstseinswandel der Menschen einher. Minikraftwerke, überwiegend Solarzellen, liefern kostenlose Energie für den Eigen- und Fremdbedarf. An die Stelle von Unternehmen treten „Collaborative Commons“, so wie es sie in vorkapitalistischen Zeiten schon einmal gab. Die Share Economy verdrängt kapitalistischen Privatbesitz. Zimmervermittler „Airbnb“, Mitfahranbieter „Uber“ und Car-Sharing sind erste Vorboten der neuen Wirtschaft. Rifkins gewagtes Credo lautet: Die Menschen wollen lieber teilen statt besitzen. Dieser neuen Art des Wirtschaftens liegt ein tiefgreifender Demokratisierungsprozess zugrunde. Menschen, denen alles zur Verfügung steht, orientieren sich neu. Sie bewegen sich vom Haben zum Sein, um es mit Erich Fromm auszudrücken. Dieser dritte Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus wird von einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Erneuerungs- und Demokratisierungsprozess begleitet. Aber leider hat er bisher nirgendwo funktioniert.

Es wäre schön, wenn alles so käme, wie es Jeremy Rifkin ausmalt. Die Erfahrung zeigt aber, dass der privatwirtschaftliche Kleinkapitalismus mehr Motivationspotenzial in sich birgt als kollaborative Organisationsformen. Die Bank für Gemeinwirtschaft und die gewerkschaftseigene „Neue Heimat“ sind zwei von vielen Beispielen, die Rifkins Thesen zuwiderlaufen. Dass viele Startups auf Wachstum und Finanzinfusionen durch kapitalkräftige Interessenten hoffen, nimmt er kaum zur Kenntnis. Ich befürchte, dass die Share Economy letztendlich zu einer Total-Kommerzialisierung des Alltags führt. Leider fehlen auch Hinweise, wie Wein oder Steaks mittels 3-Drucker hergestellt werden sollen.

Das Problem abnehmender Grenzkosten wurde im marxschen Hauptwerk „Das Kapital“ mit der Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate eingehend analysiert. Insofern bietet Rifkin nichts grundlegend Neues. Dass wissenschaftlich-technologisch getriebene Revolutionen Wirtschaft und Gesellschaft fundamental verändern, ist lange bekannt. Ich sehe den überzogenen Optimismus Rifkins skeptisch. Zwar stimme ich ihm zu, dass der Kapitalismus kein ewiges Wirtschaftssystem ist, doch die Zukunft lässt sich nicht in die Karten schauen. Außerdem: Die Geschichte der Zukunftsforschung ist die Geschichte der Irrtümer.

Dazu im Management-Handbuch

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