Arbeit 4.0Tektonische Verschiebungen

Immer mehr Jobs können von Maschinen verrichtet werden. Industrie 4.0 – ein Arbeitsplatzvernichter?

Industrie 1.0 war das Zeitalter der industriell genutzten Dampfkraft. Industrie 2.0 war die Folge eines Geistesblitzes Henry Fords, der Einzelarbeitsplätze durch das Fließband ersetzte. Industrie 3.0 wiederum beruht auf Maschinen mit programmierbaren Steuerungen. Und Industrie 4.0 darf man sich so vorstellen:

In fast menschenleeren Fabrikhallen liefern Fahrroboter, wie von Geisterhand gesteuert, Rohlinge, Halb- oder Fertigprodukte an Fertigungsanlagen und Abfüllstationen oder holen Fertigprodukte dort ab. Die zu erledigenden Arbeitsschritte wurden nicht in die Maschine einprogrammiert, sondern kommen von dem Werkstück, das bearbeitet werden soll. Dieser Rohling ist „IT-intelligent“. Das sich bisher passiv verhaltende Material bekommt eine aktive Rolle. Der Kunde kann den Produktionsstand seines Auftrags online kontrollieren und sich beruhigt zurücklehnen. Die Produktionsdaten gehen automatisch an die Tablets oder Smartphones der Mitarbeiter einschließlich der LKW-Fahrer, damit diese entsprechend disponieren können.

Natürlich „denkt“ die Maschine mit, gleicht den Auftrag mit dem noch vorhandenen Material ab und gibt Order an das jeweilige Transportsystem, Nachschub beizubringen. Tritt ein Problem auf, beispielsweise der Ausfall eines Fertigungsroboters, ergeht Meldung an das Werkstück, das sich nun automatisch eine andere Fertigungsstation sucht, soweit diese verfügbar ist. Ist das Fertigungsmodul nicht „ansprechbar“, prüft das „intelligente“ Produkt, ob gegebenenfalls der übernächste Produktionsschritt vorgezogen werden könnte. Das war und ist heute noch Sache der Fertigungsplanung. Im 4.0-Zeitalter entscheidet dies der eingebettete Mikroprozessor.

Die vierte industrielle Revolution nimmt Fahrt auf. Wenn die Schätzungen zutreffen, erwartet uns infolge des gewaltigen Produktivitätsfortschritts ein Personalabbau von etwa 30 Prozent. Das impliziert einen weiteren Rückgang der in der Industrie beschäftigten Menschen. Von 1991 bis 2007 fiel dieser Anteil in Deutschland von 29 auf 20 Prozent und wird Schätzungen zufolge bis 2020 nochmals um fünf Prozentpunkte sinken – ohne Berücksichtigung der aus der Industrie 4.0 resultierenden Zusatzeffekte. Gleichwohl wird – oder könnte – der Anteil wissensbasierter Tätigkeiten in der Industrie zunehmen: in F&E, Konstruktion, Marketing, Personal und Rechnungswesen.

Fast zeitgleich mit dem Beginn der Diskussion um das Industrie-4.0-Szenario gaben zwei renommierte Arbeitsmarktforscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT), Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson, ihre Untersuchungsergebnisse über den Zusammenhang von Digitalisierung und Arbeitsabbau bekannt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die digitale Revolution mehr Jobs vernichten werde als neue schaffen könne. Die Ökonomen warnten vor tektonischen Verschiebungen in der Arbeitswelt.

Natürlich wissen die MIT-Forscher, dass die digitale Revolution auch neue Arbeitsplätze schafft. Aber was, wenn auch die neu geschaffene Arbeit größtenteils informatisiert und automatisiert verrichtet wird? Viele IT-basierte Tätigkeiten basieren im Endeffekt auf Algorithmen. Je nach dem Grad ihrer Strukturierung können solche Jobs auch von einer Maschine erledigt werden. Die Liste der Tätigkeiten, in denen Maschinen besser sind als Menschen, wird immer länger. Der Kampf Mensch gegen Technik könnte zugunsten der Technik entschieden werden.

Dazu im Management-Handbuch

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