Arbeit 4.0Urlaub ohne Limit

Das Modell des unbegrenzten Urlaubs, das aus den USA zu uns herüberschwappt, klingt verlockend. In Wahrheit nutzt es nur den Unternehmen.

Die Gewährung bezahlten Erholungurlaubs bedurfte eines langen Kampfes der organisierten Arbeiterschaft. Im Jahre 1903 betrug dieser Urlaub zunächst ganze drei Tage. Die Vorkämpfer von damals kämen wohl aus dem Staunen nicht heraus, würden sie von einem Angebot unbegrenzten bezahlten Urlaubs hören. Ein personalpolitisches Gestaltungsinstrument, mit dem amerikanische Unternehmen bereits experimentieren. Es wird zwar noch ein paar Jahre dauern, bis es seinen Weg über New York und London in mitteleuropäische Personalbüros gefunden haben wird. Aber das Thema steht schon jetzt auf der Agenda der mitteleuropäischen Managementjournalistik. Was aus den USA kommt, ist per se gut beleumundet. Einige deutsche Unternehmen experimentieren mit dem Modell bereits. Die deutschen Dependancen von Netflix, LinkedIn, Evernote, IBM und General Electric, allesamt Pioniere der neuen Urlaubsfreiheit, werden das Thema befeuern.

Unbegrenzter Urlaub ist unternehmerisches Kalkül

No-Limit-Urlaub klingt verlockend. Das Konzept verspricht Selbstbestimmung, Flexibilität und Freiheit. Die Idee der Humanisierung der Arbeit, das sozial-liberale Großprogramm der 1980er und 1990er-Jahre, scheint sich zu erfüllen. Dem rigiden Taylorismus droht der Todesstoß. Es sind große Unternehmen, die ihre Mitarbeiter mit Freiheitsofferten überschütten. Allerdings sollte man wissen, dass die Amerikaner keinen gesetzlichen Urlaubsanspruch kennen und ihnen unternehmensseitig im Durchschnitt nur 15 Tage gewährt werden. Krankheitstage werden mit Urlaubstagen verrechnet. Im Schnitt nutzen amerikanische Angestellte nur die Hälfte der ihnen zustehenden Urlaubstage. Ist die Zahl nicht festgeschrieben, steigt die Scheu, überhaupt Urlaub zu machen. Unbegrenzter Urlaub ist also kein Vertrauensbeweis, sondern psychologisches Kalkül zugunsten des Unternehmens.

Auch der britische Mischkonzern Virgin Group gehört zu den Pionieren des modernen Human-Resources-Konzepts. Konzerneigner Richard Branson verkündete „You can take what you like!“ Allerdings mit einer Einschränkung. Zitat: „Es ist den Angestellten überlassen (…), aber sie dürfen es nur, wenn sie sich zu 100 Prozent sicher fühlen, dass sie und ihr Team bei jedem Projekt im Zeitplan liegen und ihre Abwesenheit dem Unternehmen in keiner Hinsicht schadet – oder ihren Karrieren.“

In diesem Satz liegt die hintergründige Wahrheit. Wer unbegrenzt bezahlten Urlaub nimmt, schadet natürlich dem Unternehmen und seiner Karriere. Man klinkt sich aus der Wertschöpfung aus, verbleibt aber in der Kostenschöpfung. Die Kollegen werden sich freuen, die Arbeit des Neverending-Urlaubers erledigen zu müssen. Wer den Begriff „selbstbestimmt“ ernst nimmt, kann wahrscheinlich endlos im Urlaub bleiben, aber unbezahlt und außerhalb des Unternehmens.

Unbegrenzter Urlaub als psycho-subtile Ausbeutung?

Mit dem Angebot individueller Freiheit werden Mitarbeiter zu einem faustischen Pakt gezwungen. Freiheitszuwachs und Leistungssteigerung gehen Hand in Hand. Die „Arbeitskraftunternehmer“, ein Begriff für den Typ Mitarbeiter unserer Tage, stehen im Wettbewerb mit anderen Arbeitskraftunternehmern – und das im eigenen Unternehmen. Der Arbeitsmarkt findet im eigenen Unternehmen statt, die Konkurrenz sitzt einen Schreibtisch weiter. Weiter vorne sitzt der Chef, ein Vorbild in Sachen Arbeitseinsatz. Er verzichtet komplett auf bezahlte Erholungstage. Draußen bieten immer mehr Dienstleister jene Tätigkeiten kostengünstig an, die gegenwärtig noch von internen Kräften erledigt werden.

Vor diesem Hintergrund ist es ratsam, seine Identifikation und Motivation sichtbar auszudrücken. Am besten, indem man seinen Urlaubsanspruch freiwillig beschränkt. Genau das ist die Erfahrung der vermeintlichen Pionierunternehmen. Es wird weniger Urlaub genommen. So nutzen bei „Big Blue“, wie IBM auch genannt wird, nur 57 Prozent der Mitarbeiter die ihnen zustehenden 15 Urlaubtage voll aus. In der IT-Branche bieten Unternehmen sogar eine Sonderprämie von 1.000 US-Dollar an, damit die Mitarbeiter endlich einmal einen einwöchigen, zusammenhängenden Urlaub nehmen. Es scheint, als werde die Humanisierung der Arbeit durch eine Art psycho-subtile Ausbeutung ersetzt.

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