Arbeit 4.0Warum Finnland Recht hat

Die Arbeitswelt wird immer digitaler. Doch den Leuten fehlt an der nötigen Online-Kompetenz.

Anfang Januar 2015 meldeten die Agenturen, Finnland werde die Schreibschrift abschaffen. Texte sollten nicht mehr in Schulhefte geschrieben, sondern mittels Tastatur eingegeben werden. PISA-Sieger Finnland erklärt diese Reform damit, dass flüssiges Tippen zu einer immer wichtiger werdenden Qualifikation werde.

Die Bedenken, die einige deutsche Reichsbedenkenträger dabei haben, erscheinen mir etwas voreilig. Fakt ist: In der zukünftigen Arbeitswelt konvergieren persönliche Schlüsselqualifikationen mit elektronisch erzeugten Kompetenzen beziehungsweise Arbeitsweisen. Es entstehen hybride Arbeitsabläufe aus menschlicher und maschineller Intelligenz. Die maschinelle Intelligenz funktioniert umso besser, je intelligenter der bedienende Mitarbeiter die elektronischen Systeme beherrscht. Das erklärt, warum die Diskussion zum Thema Schlüsselqualifikationen zeitgleich mit der Herausbildung der IKT als neuer Schlüsseltechnologie einsetzte. Die IKT-Nutzung erforderte neben der reinen IKT-Fachqualifikation vermehrt Schlüsselqualifikationen.

Wer bei eBay handeln will, bei Google Hilfe sucht, Wikipedia befragt oder eine Liebschaft über ein entsprechendes Partner-Portal anstrebt, benötigt Online-Kompetenz. Wer Blogs generiert, Wikis gestaltet oder in Open-Source-Netzwerken mitarbeiten will, bedarf der immer wichtiger werdenden binären 0:1-Sozialintelligenz. Es geht nicht mehr um den PC als verlängerte Schreib- und Rechenmaschine oder um Dateien als elektronische Form von Karteikästen, sondern um das Cyberspace als Werkstatt des 21. Jahrhunderts. Wer hier arbeiten will, muss das Netz-Handling beherrschen.

Doch mit der Online-Qualifikation der Deutschen ist es nicht zum Besten bestellt. Zwar verfügen fast Dreiviertel über einen Online-Anschluss, aber nur knapp ein Drittel sind in der digitalen Alltagswelt angekommen. Nur zwölf Prozent gehören zu den digitalen Profis und nur drei Prozent gelten als Avantgarde. Diese digitale Spaltung hängt nicht von der IKT-Ausstattung ab, sondern von der Kompetenz, der Nutzungsvielfalt und Nutzungsintensität sowie der Einstellung gegenüber den digitalen Medien. Junge Menschen sind hier im Vorteil, da sie nicht mit dem Netz leben, sondern im Netz.

Da in der neuen Arbeitswelt immer mehr Geschäfte ins Internet verlagert werden, entscheidet das Fahrvermögen auf der Datenautobahn über Erfolg oder Misserfolg im Wettbewerb. Nötig sind auch qualifizierte „Online-Piloten“. Darum werden künftig solche Mitarbeiter gebraucht, die sich eigenständig in virtuellen Arbeits- und Netzwelten orientieren und bewegen können. Selbst das flinke Tippen gehört dazu. Informationen müssen schnell abgerufen und verbreitet, urteilssicher ausgesucht und hinsichtlich ihrer Nützlichkeit bewertet werden. Zwar ist die Bedienung der Anwendungen heute einfacher als noch vor fünf Jahren, doch das Angebot wird immer komplexer. Hier sind unsere Schulen gefordert. Informatik müsste Pflichtfach werden. So gesehen erscheint das finnische Beispiel sinnvoll.

Dazu im Management-Handbuch

Ähnliche Artikel

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Mehr erfahren
OK