Arbeit 4.0Was Frau wirklich juckt

Die gesetzlich verordnete Quote weiblicher Aufsichtsräte hat mit Gleichberechtigung nichts zu tun.

Künftig wird es eine feste Frauenquote von 30 Prozent im Aufsichtsrat der 108 börsennotierten Unternehmen geben. Wohlgemerkt: Es geht um Aufsichtsräte, nicht um die Besetzung von Manager-Positionen. Der Beschluss betrifft deutschlandweit rund 170 Frauen.

Die Regierung sieht darin den Beginn einer neuen Epoche, ja einen Kulturwandel für die Arbeitswelt. Die Quote werde für den Abbau von Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen sorgen und „eine enorme Wirkung“ erzielen, heißt es aus dem Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Doch was heißt enorm? Was ändert sich für die Frau an sich, abgesehen von den 170 auserwählten Potenzial-Damen? Hundertausenden berufstätigen Arbeitnehmerinnen ist es egal, wie viel Männlein oder Weiblein im Aufsichtsrat sitzen. Sie wissen: Die handverlesenen Damen auf der Kapitalseite werden nicht viel anders entscheiden als ihr männliches Pendant.

Arbeitnehmerinnen erwarten vor allem Beschlüsse zur Lohngerechtigkeit. Das Lohnthema betrifft die Mehrheit der Frauen, das Aufsichtsratsthema aber nur eine Minderheit. Dennoch ist die Frauenquote das vorherrschende Thema der Diskussion um Gleichberechtigung. Das mag auch daran liegen, dass diese Diskussion vorwiegend in renommierten Publikumszeitschriften und Management-Periodika geführt wird. Die Autoren sind meist gut dotierte Journalistinnen. Wer Ungerechtigkeiten tatsächlich beseitigen will, sollte sich zukünftig besser um folgende Probleme kümmern:

  1. Deutschlands Frauen verdienen durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, sagt die OECD. Nirgendwo in Europa ist der Lohnunterschied größer als hierzulande. Das Statistische Bundesamt geht gar von 23 Prozent Entgeltdifferenz aus.
  2. 87 Prozent aller Teilzeitarbeitsplätze nehmen Frauen ein. Selbst wenn sie gern Vollzeit arbeiten würden, steht oft nur ein Teilzeitarbeitsplatz zur Verfügung. Nur 55 Prozent der berufstätigen Frauen gehen einer Vollzeitbeschäftigung nach. Mit einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 18,1 Stunden haben Deutschlands Frauen die niedrigste Wochenarbeitszeit in der EU.
  3. Frauen, die eine Teilzeitbeschäftigung anstreben, weil sie genügend Zeit für die Kinder haben und nicht als Rabenmutter dastehen wollen, werden auf andere Art stigmatisiert: Sie gelten als weniger engagiert und bekommen weniger wertige Jobs.
  4. Frauen erledigen zwei Drittel der nicht-monetarisierten Aufgaben unserer Gesellschaft, wie etwa Kindererziehung, Putzen, Kochen und Einkaufen. Die unbezahlte Arbeit bleibt zumeist unerkannt und wird kaum anerkannt. Der Club of Rome schreibt, dass in beinahe jedem Land der Erde Frauen mehr arbeiten als Männer. Dennoch erhalten Männer den Löwenanteil des Volkseinkommens und erfahren jene Anerkennung, die man Frauen verweigert.

Würde man alle nicht-monetarisierten Tätigkeiten – egal, wer sie verrichtet – addieren, stiege das Bruttoinlandsprodukt auf der Basis des Nettostundensatzes einer Hauswirtschafterin um etwa ein Drittel. Das Gehalt einer angestellten Putzfrau geht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein, das einer Hausfrau nicht. Im kommenden Jahrzehnt aber werden sich Gesellschaft und Politik dem Thema nicht-monetarisierter Arbeit stellen und Angebote vor allem für Frauen entwickeln müssen. Dafür sorgt der zunehmende Druck der kritischen Öffentlichkeit. Die Gleichheit der Geschlechter wird nach wie vor auf der Agenda bleiben und muss gegen viele Widerstände weiter abgearbeitet werden.

Dazu im Management-Handbuch

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