Arbeit 4.0Wenn Prognosen versagen

Die Flüchtlingswelle stellt alle bisherigen Trends und Zukunftsstrategien auf den Kopf. Sie wird weitreichende Folgen für die Zukunft von Arbeit haben.

Auf Deutschland rollt eine Riesenwelle von mindestens 800.000 Flüchtlingen zu. Von manchen wird dieses Phänomen schon als neue Völkerwanderung bezeichnet. Noch zu Jahresbeginn hatte niemand eine Vorstellung von dem, was wir jetzt gerade erleben. Die Gegenwart hat eine sogenannte Wild Card, einen Joker aus dem Ärmel gezogen und bringt die bisher wirksamen Trends und gesellschaftlichen Zukunftsstrategien durcheinander. Es ist etwas passiert, mit dem niemand gerechnet hat. Man fühlt sich an den 11. September 2001, an Fukushima oder den Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems erinnert. Vorwissen nützt nichts. Es ist fast unmöglich, eine Bewertung solcher (Un-)Wahrscheinlichkeiten vornehmen. Mathematische Formeln helfen auch nicht weiter, denn bei der Abschätzung, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein unwahrscheinliches Extremereignis eintritt, versagen alle Rechenkünste und Regeln. Da es sie noch nicht gab, existiert keine Systematik für ihr Handling. Anleihen an die traditionelle Risikoforschung helfen auch nicht weiter.

Der evolutionäre Verlauf fundamentaler Blitzereignisse

Die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des Unwahrscheinlichen ist sehr gering, aber wir wissen nicht, wie unwahrscheinlich sie ist. Wir müssen zumindest die Möglichkeit eines fundamentalen Blitzereignisses im Bewusstsein haben. Tritt das Ereignis ein, hat es Folgen bis in die Strukturen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hinein. Solche gravierenden Fundamentalereignisse haben einen evolutionären Vorlauf verschiedener Ereignisketten. Darum ist es schwer, eine klare Trennlinie zwischen Ereignis und Prozess zu ziehen. Die aktuelle Situation begann mit dem terroristischen Anschlag auf die Twin Towers in New York, der in den Lügenkrieg im Irak mündete und die ganze nahöstliche Region destabilisierte.

Allein auf das Chaos ist Verlass

Plötzliche und unerwartete Ereignisse werden unterschiedlich bewertet. Für eine Ehefrau ist der Treuebruch des Ehemannes ein überraschendes Störereignis, für die Mitarbeiter eines Unternehmens dessen Insolvenz und für den Finanzminister die Bankenkrise. Die Folgen-Skala reicht von „individuell“ über „lokal“ und „regional“ bis hin zu „global“. Als Folge globaler Vernetzung, bei der das Eine auf das Andere mit ungeheurer Dynamik wirkt, ist es unmöglich, Wild Cards abzuschätzen. Wie will man Risiken, die man noch gar nicht kennt, geschweige denn erahnt, abschätzen? Wer erkennt, dass ein fundamentales Einflussereignis naht? Die schwachen Hinweissignale sind noch nicht wahrnehmbar oder werden von sogenannten Hintergrundgeräuschen, die stärker sind, verdeckt. Kann man Prognosen wagen? Selbst wenn man sie wagt, wäre die Vorwarnzeit bei Wirkungen, die sich im Formel 1-Tempo ausbreiten, zu kurz. Allein auf das Chaos ist Verlass.

Bewusstsein für unvorhergesehene Extremereignisse schaffen

Die an dieser Stelle veröffentlichten Kolumnen verstehen sich als Meinungsbeitrag des Autors, oft gekoppelt mit Prognosen und Empfehlungen. In dem vorliegenden Beitrag ist das schlichtweg unmöglich, will man nicht der Quacksalberei verfallen. Für den Fall eines unvorhergesehenen Extremereignisses lautet die Empfehlung, zumindest ein Bewusstsein für dessen Möglichkeit zu entwickeln. Das ist schon deshalb vernünftig, da wir von einer Häufung unvorhergesehener Extremereignisse ausgehen müssen.

Was sich früher in irgendeinem entfernten Winkel der Welt ereignete, wirkt infolge globaler Vernetzung, Abhängigkeiten und Rückwirkungen weltweit und selbst in die Lebensplanung von Menschen hinein. Die Völkerwanderung aus dem Nahen Osten ist systemtheoretisch gesprochen eine Bifurkation, eine Verzweigung demographischer Strukturen mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft und damit für die Zukunft von Arbeit und Kultur, von Sozialsystemen und das Zusammenleben von Menschen. Bifurkationen haben die Eigenschaft, andere Zustände hervorzubringen als jene, die geplant sind.

Dazu im Management-Handbuch

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