Arbeit 4.0Zertifizierungswahn

Der neue § 5 des Arbeitsschutzgesetzes und seine Folgen.

Als Folge von Arbeitslosigkeit, ständiger Erreichbarkeit und globalem Wettbewerb nimmt der Druck auf die Berufstätigen zu. Die extreme Beschleunigung macht sie zu Getriebenen. Der Politikwissenschaftler Hartmut Rosa spricht von einer dreifachen Beschleunigung: technischer Fortschritt, sozialer Wandel und Lebenstempus. Verstärkt wird die Beschleunigung durch den Trend zu immer weniger: weniger Zeit, weniger Budget, weniger Mitarbeiter. Der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski illustriert das mit der Formel „½ x 2 x 3“: Die Hälfte der Belegschaft mit doppelter Bezahlung leistet dreimal so viel wie früher die Vollbelegschaft. Also strampeln, sonst droht der freie Fall.

Was droht, ist eine neue „Seuche“ namens Seelenpein. Stress, Depression, Burnout. „Der erschöpfte Mensch ersetzt den gebrechlichen“, schrieb auch der SPIEGEL. Und die Weltgesundheitsorganisation erklärte Berufsstress zu „einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts“. Auch der Gesetzgeber hat bereits reagiert und mit dem § 5 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) eine Regelung für die Ermittlung von und Maßnahmen gegen psychische Belastungen der Arbeit geschaffen. Wenn also der Betriebsrat darauf besteht, die psychischen Belastungsfaktoren zu ermitteln, kann sich das Management nicht dagegen wehren. Die Gefährdungsbeurteilung beruht auf dem internationalen Standard EN ISO 10075, der Richtlinien der Arbeitsgestaltung bezüglich psychischer Arbeitsbelastung beschreibt. Schon stürzen sich Berufsgenossenschaften, Gewerkschaften, Krankenkassen und Sozialorganisationen darauf und propagieren die Vorzüge einer solchen Gefährdungsbeurteilung. Nach dem Hype um EN ISO 9001 rollt nun also eine neue Zertifizierungswelle auf alle arbeitgebenden Organisationen zu.

§ 5 ArbSchG schreibt jedoch nicht vor, wie eine Gefährdungsanalyse durchzuführen ist, sondern nur dass sie durchgeführt werden muss. Ob das in Form einer Beobachtung, eines Fragebogens oder einer moderierten Gruppensitzung passiert, bleibt den Unternehmen selbst überlassen. Außerdem geht es nur um belastende Einflüsse, die von außen auf Mitarbeiter psychisch einwirken, nicht um die psychische Beanspruchung. Ein Blick in die Liste möglicher psychischer Belastungsfaktoren zeigt: Auf Personalentwickler, REFA-Techniker, Sicherheitsfachkräfte, Betriebsmediziner und Führungskräfte kommen neue Verantwortlichkeiten und Anforderungen zu. Der Weg in die Prüf- und TÜV-Gesellschaft scheint unaufhörlich. Für HR-Trainer und Arbeitspsychologen bietet sich künftig ein schier unerschöpfliches Arbeitsfeld – und neue Einnahmemöglichkeiten.

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