CoachingBrief an die Chefs dieser Welt

Liebe Chefs! Wenn ihr den Respekt eurer Mitarbeiter wollt, sucht den direkten Draht zu ihnen. Vor allem: Verschanzt euch nicht hinter eurer Chefposition!

In Unternehmen wird gebetsmühlenartig immer das gleiche Lied geträllert: „Ich bin froh, wenn mein Chef im Urlaub ist, dann kann ich endlich arbeiten!“ „Unser Vorstand versteht überhaupt nicht, was am Markt passiert.“ „Kindergarten, Affentheater!“ Und so weiter und so fort. Sicher, höher gelegene Terassen haben einen anderen Blick in die Täler und Berge des Marktes als das Fußvolk, das sich wie fleißige Bienen um die Bestäubung der Blumen kümmert, um möglichst viel Honig zu ernten, womit sich die Könige dann tragen lassen. Wir müssen die Pyramide umdrehen!

Wenn sich Oben und Unten gering schätzen

Normalerweise steht der Boss ganz oben und das Gros des Fußvolks unten. Dazu habe ich einmal ein Poster mit einem komischen Motiv am Büroschrank eines Mitarbeiters entdeckt: Auf den unteren Trassen eines Strommastes sitzen kleine Spatzen, die nach oben schauen und mit Kot beschmiert sind. Auf den oberen Trassen sitzen fette Spatzen, die etwas gelangweilt in der Gegend umhergucken. Beide Gruppen haben Sprechblasen. Bei den fetten Spatzen steht: „Jedesmal, wenn wir nach unten schauen, sehen wir nur „Scheiße!“ Bei den Spatzen unten steht: „Jedesmal, wenn wir nach oben schauen, sehen wir nur „A....löcher.“ Wie bezeichnend ist das für eine Führungskultur in einem globalen Konzern! Viele würden ihrem Chef oder dem Vorstand wohl gerne mal eine kleben, oder ihn gleich chassen.

Was soll man jetzt als Coach dazu sagen? Sollen einem die Geführten leid tun? Soll man den oberen Führungskräften mal ordentlich die Meinung geigen? Klar, Dialog sollte irgendwie stattfinden, und bitte auch über die alljährliche Zufriedenheitsumfage unter Mitarbeitern hinaus. Wenn die nämlich in der Schublade verschwindet und kein Statement des Managements mehr erfolgt, dann, liebe Vorstände, habt ihr es tatsächlich verdient, dass die Headhunter bei euch einfallen und die demografische Krise etwas beschleunigen.

Ohne direkten Draht zu Mitarbeitern läuft nichts

Mein Rat für Führungskräfte: Solange ihr euch hinter KPIs verschanzt und nicht den direkten Draht nach unten pflegt, entgehen euch die wichtigsten Informationen. Ohne direkten Draht nach unten bekommt ihr von euren Mitarbeitern nur geschönte und gefilterte Informationen, entstanden aus Kündigungsangst und Angst vor Ansehensverlust. An der Basis verkümmern eure Vertriebler, weil Zentralisierung alle Innovation kaputt macht, weil ihr die Marktexperten, die jeden Tag mit dem Kunden zu tun haben, ignoriert. In solch einem Fall sollte man euch sofort ein Business Process Reengineering verpassen, das alle Unternehmensprozesse auf den Kunden abstellt und nicht auf die Steuerungszentrale! In den Unternehmenszentralen sitzen ohnehin zu viele omnipotenzverbrämte Unwissende, die glauben, den Marktexperten den Weg weisen zu können, den sie auf ihrer hohen Terasse im Swimmingpool erdacht haben.

Dieses Bild ist natürlich völlig überzeichnet, denn wenn man überdenkt, dass die Terassen oben die ganze Welt sehen können, wirkt das Erdgeschoss wie eine Ameise, die eben nicht die ganze Welt sehen kann. Deshalb braucht es wohl tatsächlich immer mal wieder ein Umherwandern des Managements und ein kuscheliges Treffen am Kamin, bei dem die Vasallen auch mal Gehör finden – wenn schon der Betriebsrat von vielen als zahnloser Papiertiger empfunden wird.

Mein Bild, das ich hier zeichne, ist auch alles andere als objektiv, und es ist definitiv nicht flächendeckend. Aber es ist für all jene gedacht, die sich jetzt dabei ertappt fühlen und auf Widerstand gehen. Widerstand ist gut. Man muss schon etwas tun, damit es auf allen Etagen humaner zugeht. Was das konkret heißt? Darüber müsste man mal im Unternehmen diskutieren – am besten demokratisch und auf Augenhöhe. Für den Anfang würde das schon helfen.

Dazu im Management-Handbuch

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