CoachingDas Dilemma mit der Qualität

Coaching-Siegel, Zertifizierung, Ausbildung. Was sind objektive Indikatoren für qualitativ gutes Coaching? Der Versuch einer Annäherung.

Immer wieder kommt eine Inititative um die Ecke und will Transparenz in den Coaching-Dschungel bringen. Doch seit Jahren gelingt das nicht. Der Dschungel ist viel zu wild. Jüngst hat der Focus Verlag in Zusammenarbeit mit Xing einen neuen Versuch gestartet. Neben der bekannten Top-Ärzte-Liste Deutschlands gibt es jetzt auch eine Liste für Top-Coachs. Das Siegel kommt hübsch daher, sagt aber wenig aus. Außer, dass es den Siegelträger 5.000 Euro gekostet hat und dass viele Entscheider die Person kennen. Mit dem Siegel lässt sich vielleicht die jeweilige Netzwerkstärke eruieren, aber nicht die Kompetenz des Coachs oder die Qualität des Coachingprozesses.

Die Methodik dahinter: Man befragt Einkäufer von Coachingdienstleistungen und verdichtet den Bekanntheitsgrad eines Coachs. Wer viel eingekauft wird, muss schließlich gut sein. Wann ein Coaching aber „erfolgreich“ ist, definiert das Siegel nicht. Auch, was überhaupt Qualität in einem Coachingprozess ausmacht, bleibt im Dunkeln. Welche Eigenschaften und Erfahrungen ein guter Coach haben sollte, wird nicht kategorisiert. Das neue Top-Coach-Siegel gibt deshalb Anlass für zwei Fragen:

1. Wie kann die Qualität von Coaching im Markt sichergestellt werden?
2. Wie können Klienten sichergehen, einen qualifizierten Coach auszuwählen?

Zur ersten Frage: Jedes „Qualitätssiegel“ kostet Geld. Man muss erkennen, ob sich dahinter ein ernstzunehmender Qualitätscheck verbirgt oder ob es sich um eine reine Marketingaktion handelt. Das erfordert Beurteilungskompetenz und Fachwissen über die Branche. Als positives Beispiel sei hier die Arbeit von Professor Harald Geißler erwähnt, der in den 1990er Jahren anhand ausgesuchter Kategorien aus der Coachingwissenschaft Coachs und deren Verhalten in Laborsituationen evaluierte. Flächendeckend durchgesetzt hat sie sich jedoch nicht.

Zertifizierungen sind oft nur Verzierungen

Bringen es dann vielleicht Zertifizierungen oder institutionelle Ausbildungen? Die einen sind zertifizierte Top-Coachs, zertifizierte Coachs in NLP, persolog-Persönlichkeitstrainer oder nennen sich systemische Berater. Die anderen gehören einem Coachingverband an. Doch gerade Zertifizierungen sind aus meiner Sicht oft nur Verzierungen. Nice, aber noch nicht alles. In der Branche sind sie der kostenpflichtige Einstieg, und jedes Zertifizierungs-Update kostet wieder eine Gebühr, die man eben in Kauf nimmt, wenn man das Logo haben will.

Man muss den Markt also schon kennen, wenn man die Güte und Qualität einer Zertifizierung oder gar Ausbildung beurteilen will. Eine neutrale Vergabestelle gibt es nicht. Auch die Zugehörigkeit zu einem der vielen Coachingverbände, zu einer Trainervereinigung oder einer Speaker Association sagt noch nichts über die wirkliche Qualität aus. Sie sind Indikatoren, aber keine Indizien.

Wie erkennen Klienten einen qualifizierten Coach?

Ich persönlich finde die standardisierte, sich an globalen Standards orientierende Zertifizierung nach der International Coach Federation (ICF) sehr gut geeignet, Qualität nachzuweisen. Dafür brauchen Coachs eine gewisse Anzahl an Klienten und durchgeführten Coachings. Sie müssen Vorgehen, Prozess und Evaluation dokumentieren und glaubhaft darstellen. Kleiner Wehrmutstropfen: Auch diese Zertifizierungen nach unterschiedlichen Stufen müssen von irgendjemandem durchgegführt werden – kosten also Geld.

Nun zur zweiten Frage. Wie können Klienten sichergehen, einen qualifizierten Coach auszuwählen? So viel vorneweg: Eine absolute Sicherheit, den „richtigen“ Coach zu engagieren, gibt es nicht. Trotzdem können potenzielle Klienten auf bestimmte Kriterien achten, wenn sie einen Coach nach Kompetenz und Qualität beurteilen möchten:

Zum einen ist da der fachliche Hintergrund, wie etwa eine psychologische oder pädagogische Ausbildung. Auch entsprechende Ausbildungen, die zum Coaching legitimieren, gehören dazu. Nicht zu verachten ist Felderfahrung, das heißt der Coach kennt sich in der Branche des Klienten aus oder kennt vielleicht sogar das Unternehmen aus eigener Erfahrung. Ob das am Ende immer sinnvoll ist oder eher hinderlich, zeigt sich im jeweiligen Einzelfall. Auch persönliche Empfehlungen von ehemaligen Klienten können einem die Entscheidung erleichtern, sich für einen Coach zu entscheiden. Ebenso die Tatsache, dass der Coach sein fachliches Know-how bereits in Form eines Buchs bei renommierten Fachverlagen publiziert hat.

Fazit

Die aufgeführten Kriterien können, müssen aber nicht zwingend der Maßstab für eine Beurteilung der Qualifikation oder Qualität eines Coachs sein. Entscheidend ist das Gesamtpaket – und vor allem das Gefühl des Klienten, ob er dem Coach, der ihm gegenübersitzt, vertrauen kann. Da können wir noch so viele, vermeintlich objektive Kriterien ansetzen. Ein gekauftes Qualitätssiegel jedoch belegt in dieser Liste der Kriterien sicher den letzten Platz.

Dazu im Management-Handbuch

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