CoachingNur nicht so brav!

Empathisch sein und mit der eigenen Meinung hinterm Berg halten. So soll sich ein Coach idealerweise verhalten. Doch das reicht nicht, damit der Klient seine Komfortzone verlässt.

Es gibt eine Sache, die mich seit meiner eigenen Coaching-Ausbildung immer wieder nervt: die Empathie-Formel. Spiegle dem Klienten zurück, was Du zwischen den Zeilen gehört hast! Sei zurückhaltend mit eigenen Interpretationen! Führe Deinen Coachee durch Fragen zur Selbsterkenntnis! Das kann dann merkwürdige Züge annehmen, wenn Coachs mit ihrer Meinung hinterm Berg halten. Meine Klienten aber fragen mich explizit nach meiner Meinung: „Herr Illig, jetzt sagen Sie mir bitte direkt, wie Sie das finden!“ Es sind Führungskräfte, Geschäftsführer, Selbstunternehmer, Menschen in Verantwortung. Sie denken schnell, pragmatisch, unternehmerisch. Und diesen Anspruch haben sie auch an (m)ein Coaching. Nichts da mit empathischem Einfühlen und reflexivem Spiegeln bis der Psychotherapeut kommt.

Dem Klienten auch mal die Wahrheit sagen

Viele Coachs sind zahnlose Tiger, die durch eben diese „professionelle“ Zurückhaltung den Biss verloren haben. Wir müssen Menschen, die uns um Rat fragen, reinen Wein einschenken. Wir müssen gestandenen, erwachsenen und erfolgreichen Menschen die Wahrheit sagen können. Auch dann, wenn genau das ihr Weltbild irritiert. Wir müssen es nur auffangen können. Deshalb halte ich nichts davon, die eigene Meinung nicht zu äußern. Ich muss das ja nicht dominierend tun, sondern als Angebot, wenn mein Klient aus seinem Gedanken-Karussell nicht mehr selbst herauskommt. Ich will für Rat suchende Menschen nahbar sein und manchmal eben nicht diese pseudo-professionelle Distanz an den Tag legen, um nicht ins Klienten-System zu verfallen, sondern mit Abstand neutral zu beraten.

Was spricht dagegen, mit dem Klienten auch mal ein Träne gemeinsam zu vergießen? Ich habe Schicksale erlebt, bei denen ich mich zwar zunächst fassen musste, dann aber meine Emotionen zugelassen habe. Meine Klienten haben sich dadurch verstanden gefühlt, wir haben eine Nähe aufgebaut und das nötige Vertrauen, um die Kurve in die Lösung zu kriegen. Wir müssen nicht distanziert bleiben, im Gegenteil: Wir dürfen nahbare Menschen sein, denn wir sind keine emotionslosen Coaching-Maschinen.

Klienten provozieren, anstacheln und mit ihnen weinen

Und dann noch ein letzter Gedanke: Man bringt Coachs bei, „non-direktiv“ zu arbeiten. Ich provoziere gelegentlich bewusst meine Klienten: „Wenn ich Ihr Mitarbeiter wäre, wäre ich schon längst gegangen.“ Oder: „Sie haben es gut gemeint, aber das ist bei Ihren Mitarbeitern nicht angekommen.“ Noch schlimmer: Ich falle meinen Klienten sogar ins Wort, will etwas genauer wissen und lenke dadurch den Gesprächsfluss. Jemanden zu unterbrechen, wäre in der Coaching-Ausbildung aber ein No-Go. Schließlich müssen wir ja Jedem zuhören. Nein, müssen wir nicht! Wir dürfen auch herausfordern, wir müssen „challengen“, Leute aus ihrer Komfortzone herausholen, provozieren, anstacheln, herausfordern, lachen oder weinen. Das volle menschliche Programm eben – nur ein bisschen überlegter, reflektierter, strategischer und taktvoller als „normale“ Menschen.

Dazu im Management-Handbuch

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