CoachingStändig soll ich glücklich sein

Coaching hilft, einen gewünschten Zustand zu definieren. Ausgangspunkt ist dabei oft ein Defizit. Eine Abgrenzung zur Positiven Psychologie.

Sie heißt Positive Psychologie und taucht hierzulande oft unter der englischsprachigen Bezeichnung auf. „Positive Psychology“ klingt halt irgendwie cooler. Ihr Anliegen ist gleichermaßen simpel und knifflig: Positive Psychologie will die Stärken von Menschen fördern statt die Schwächen auszumerzen. Sie will Gesundheit größer machen statt Krankheit therapieren. Sie will Widerstandsfähigkeit fördern statt Depressionen behandeln. Sie will gute Charaktere, gute Institutionen, ein gutes Leben, Glück und Sinn für alle. Wer will das nicht?

Grundsätzlich ist das auch gar nicht schlecht. Dabei wird aber eines im Coaching – und darüber reden wir ja hier – oft vergessen. Wir führen durch unsere Fragen, Interventionen und Gespräche Menschen in Bewusstseins- und Erkennungsprozesse hinein, die so erst mal gar nichts mit einer Steigerung zu tun haben. Wir konfrontieren jemanden mit seiner Familiengeschichte und was dort bereinigt werden sollte. Wir werden angerufen, weil etwas eben nicht (!) rund läuft, ein Konflikt aus den Fugen gerät, das Jammern im Unternehmen groß ist und die Ehe auf eine Trennung hinausläuft. Ist das Positiv? Für uns schon.

Die Ausgangslage beim Coaching ist in der Regel negativ

Es sind meist negative, defizitäre Ausgangslagen, die für unseren Auftrag und unseren Auftritt sorgen. Wie passt das zur Positiven Psychologie? Wenn jemand schon glücklich ist, ist er doch zufrieden. Er ist satt und neigt dazu anzusetzen. Was will er mehr? Wenn man es sich in der Komfortzone gemütlich gemacht, bewegt das niemanden. Und es geht auch historisch gesehen nicht auf: Welche Umwälzung, welche Revolution in der Gesellschaft wurde aus Zufriedenheit heraus vollzogen? Keine.

Im Gegenteil: Menschen (zum Beispiel Flüchtlinge) erleiden Leid und setzen sich dann in Bewegung. Niemand kündigt, weil es ihm zu gut geht, sondern weil es ihm an seinem Arbeitsplatz schlecht geht und nicht (mehr) gefällt. Menschen, denen es zu gut geht, fangen an, ihren Besitzstand zu wahren und schotten sich ab. Sie sind zufrieden mit sich selbst und verwöhnt mit den Errungenschaften der Vergangenheit. Das bringt keine guten Charaktere hervor. Ich denke, wir müssen das beachten, wenn wir Leute coachen.

Coaching will den gewünschten Zustand definieren helfen

Wenn sich jemand sportlich entfalten und in seinen Stärken immer besser werden will, reden wir von Perfektion – aber auf einem bereits hohen Niveau. Reden wir über Potenzial, welches das Potenzial hat, sich richtig gut zu entfalten. Auch das ist drin. Aber seien wir uns gründlich bewusst, dass Menschen von etwas Negativem getrieben (davon will ich weg!) und von etwas gezogen werden.

Unsere (Coaching-)Kunst liegt eigentlich darin, den gewünschten Zielzustand definieren zu helfen (da will ich unbedingt hin!) und Wege dafür zu finden. Das ist oft nicht einfach. Genau das hat die Positive Psychologie dann aber doch gebracht: Ein Bewusstsein dafür, wie stark „Visionen“ einen Menschen ziehen können – von der Zukunft her. Aber sie brauchen immer auch ein Defizit, um sich in Bewegung zu setzen.

Dazu im Management-Handbuch

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