Gute Führung„Es muss etwas geschehen!“

Wer delegiert, muss klar aussprechen, was er möchte. Sonst passiert gar nichts. Oder das Falsche.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie Heinrich Böll von seiner Zeit in Alfred Wunsiedels Fabrik erzählte, als er dort angestellt war. Er war anfangs nur mäßig gefordert, denn er musste nur neun Telefone bedienen. Innerhalb der ersten Woche steigerte er jedoch die Zahl der Telefone auf elf, innerhalb der zweiten Woche auf dreizehn. Über die Telefone delegierte er die Aufgaben, die er von seinem Chef jeweils mit den Worten „Es muss etwas geschehen!“ erhalten hatte, an andere weiter. Dazu rief auch er in die Sprechkapsel: „Es muss etwas geschehen!“, gelegentlich ergänzt durch „Handeln Sie sofort!“ oder „Tun Sie etwas!“ Die Empfänger quittierten den Auftrag mit einem entschiedenen „Es wird etwas geschehen“. Ob Böll bei dieser knackigen Variante von Aufgabendelegation jemals Zweifel bezüglich ihrer Wirksamkeit kamen? Wir wissen es nicht wirklich, aber vermuten können wir es, denn nach kurzer Zeit wurde einer seiner Lieblingssätze: „Es hätte etwas geschehen müssen“. Ein anderer Lieblingssatz lautete „Das hätte nicht geschehen dürfen“. Wir können also annehmen, dass er mit dem Ergebnis seiner Handlungsanweisungen nicht zufrieden war, denn entweder geschah nichts, oder es geschah das Falsche.

Woran mag das gelegen haben? Analysieren wir einmal ganz systematisch: Böll hat mit „Es muss etwas geschehen!“ möglicherweise an etwas ganz Konkretes gedacht, was da geschehen sollte. Aber er hat das Konkrete nicht ausgesprochen. Und selbst wenn er es gesagt hätte: Haben die Leute an den anderen Enden der Telefonleitungen überhaupt zugehört? Ich bezweifle es, denn wie sonst hätten sie so formelhaft geantwortet „Es wird etwas geschehen“? Sie hätten doch gemerkt, dass das, was er sagte, keinen Sinn machte. Auch nicht mit der zusätzlichen Anweisung „Handeln Sie sofort!“. Doch nehmen wir einfach einmal an, in Alfred Wunsiedels Fabrik hätten am Ende der Telefonleitungen tatsächlich Menschen zugehört. War für die Zuhörer das „Es muss etwas geschehen!“ selbsterklärend? War das „Etwas“ beschrieben, oder das dazugehörige „Warum“ oder das „Wie“? Mitnichten. Und weiter: Wer garantiert, dass die Zuhörer mit dem „Es muss etwas geschehen!“ einverstanden waren und nicht insgeheim dachten „Nicht mit mir, ganz bestimmt wird nichts geschehen“?

Es ist jedenfalls eine Tatsache, dass nichts geschah, oder das Falsche. So kam es dann fast zwangsläufig, dass Alfred Wunsiedel starb, ohne dass etwas geschehen war. Man kann ziemlich sicher annehmen, dass bei jedem Knotenpunkt auf dem Weg vom „Es muss etwas geschehen!“ über das „Es wird etwas geschehen“ hin zum „Es hätte etwas geschehen müssen“ und zum „Das hätte nicht geschehen dürfen“ ein Fehler lag. Interessant war außerdem, dass Böll am Ende nicht einmal wusste, was in Wunsiedels Fabrik wirklich hätte geschehen sollen. Er vermutete: Seife produzieren.

Dazu im Management-Handbuch

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