Gute FührungHop oder top?

Chefs, für die es nur Schwarz-Weiß-Lösungen gibt, bauen kein Vertrauen zu ihren Mitarbeitern auf.

Mein Chef tut sich schwer mit Grautönen. Für ihn hat fast jede Medaille zunächst nur eine Seite. Unlängst gab es wieder so einen Fall. Von unserer Geschäftsführung wurde das Konzept zur Weiterentwicklung unserer Cashcow vorgestellt. „Was halten Sie davon?“, fragte mich mein Chef. Im Grunde hielt ich nicht sehr viel davon: viele neue Funktionen, die niemand wirklich brauchte; unnötig komplizierte Bedienung; zu teuer. Ich sah die Verkaufszahlen schon im Sinkflug. „Nun, im Grunde keine schlechte Idee“, sagte ich. „Aber ...“. Mein Chef unterbrach mich sofort. „Schwarz oder weiß! Entweder Sie finden das Konzept gut oder nicht. Also?“ So ist er halt, mein Chef, und damit steht er nicht allein.

Vielleicht kennen Sie die Erzählung „Die Schmähschrift“ von Stefan Heym? Darin steht der Held, ein gewisser Mister Creech, vor einem ähnlichen Dilemma. Herr Creech erhielt von seinem Vorgesetzten ein hochpolitisches Schriftstück mit der Aufforderung, seine Meinung dazu zu äußern. Der so Aufgeforderte studierte das Werk und beschrieb dann zunächst mit überzeugenden Worten die seiner Meinung nach positiven Ideen und Gedanken des Autors. Als er aber eine gewisse Skepsis bei seinem Chef zu erkennen glaubte, erwähnte er mit annähernd gleicher Überzeugungskraft die Schwachpunkte und Fehler, die er entdeckt hatte, und die Probleme, die dadurch für gewisse politische Kreise drohten. Doch sein Chef bestand auf einer eindeutigen Position: pro oder kontra. Es gebe nur schwarz oder weiß, sagte er. „Und zu welcher Ansicht neigen Sie, Herr Creech?“ Diese Frage ließ Herrn Creech keinen Ausweg. Er antwortete: „Es ist eine missliche Sache, ohne vorherige Kenntnis der Meinung seines Vorgesetzten ein Urteil fällen zu müssen.“

Viele Mitarbeiter denken wie der törichte Herr Creech, auch wenn es kaum einer ausspricht. Warum? Weil ihre Chefs sich nicht mit abweichenden Meinungen auseinandersetzen, geschweige denn, dass sie Derartiges zulassen. Wer Angst hat, er könne mit seiner Meinung im Widerspruch zu der seines Vorgesetzten stehen, der schweigt meistens. Herr Creech hatte zwar Angst, aber er schwieg nicht. Und als das Projekt seines Vorgesetzten scheiterte, schob der ihm die Schuld in die Schuhe und entließ ihn.

An dieser Stelle möchte ich aber eine Lanze für meinen Chef brechen. Wie gesagt, er tut sich mit Grautönen schwer, aber man kann doch mit ihm reden, und er hört zu. Ich habe Vertrauen zu ihm. Ich erläutere kurz, warum: Zugegeben, als ich zum neuen Produktkonzept „ja, aber“ sagte, wollte er mich zunächst festnageln. Dann aber hörte er mir zu, fragte, was ich im Detail positiv und was negativ sehe. Er ließ mich meine Meinung begründen. Am Ende sagte er: „Die Entscheidung für das Produktkonzept ist gefallen, damit müssen Sie leben. Ich sehe die von ihnen genannten Probleme nicht als so kritisch an, aber Sie können im Verlauf des Projekts möglicherweise noch das eine oder andere in ihrem Sinn beeinflussen; das kann ich im Detail nicht beurteilen. Doch selbst wenn nichts mehr geht, erwarte ich, dass Sie sich mit aller Energie für das neue Produkt einsetzen. Da kann ich mich doch sicher auf Sie verlassen?“ Kann er. Ich habe Vertrauen zu ihm, und er vertraut mir.

Dazu im Management-Handbuch

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