Gute FührungSeelenstreichler

Anerkennung ist schön. Noch schöner ist sie, wenn sie überraschend kommt – und dann auch noch vom Chef.

An manchen Tagen, wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit bin, weiß ich instinktiv: das wird heute nichts. Auf der Autobahn Stoßstange an Stoßstange. Ein Mensch mit eingebauter Freude am Fahren drängelt lichthupend von hinten. Auf der Nebenspur glotzt einer dämlich zu mir herüber und zeigt den Stinkefinger. Im Rückspiegel sieht man die Alpen strahlend klar. Föhn! Bei dieser Wetterlage graut mir besonders vor der morgendlichen Besprechung mit meinem Chef, denn der ist föhnfühlig. Was das bei einer Person bedeutet, die schon bei besten Wetterbedingungen grundsätzlich nörglerisch und schlecht gelaunt ist, kann man sich vorstellen. Und heute droht die Durchsprache des letzte Woche fertig gestellten Projekts.

Nicht dass ich da etwas zu befürchten hätte, im Gegenteil, alles ist bestens gelaufen: „top quality, in time, in budget“. Aber mein Chef ist einer von der Sorte „Nicht geschimpft ist genug gelobt“, und zu bekritteln findet er immer etwas. Die Sekretärin schaut schon so mitleidig und meint, ich könne gleich reingehen, er habe schon nach mir gefragt. Gut, ich hätte ihn Freitagmittag vom erfolgreichen Abschluss informieren können. Aber er war auf einem Führungsseminar, da wollte ich nicht anrufen. Wahrscheinlich hätte er sich eh verleugnen lassen.

Wenn Ihr Chef schon mal auf einem Führungsseminar war, dann wissen Sie wovon ich rede. Manche kommen zurück, den Kopf voller Flausen und neuer Ideen, die sie ausprobieren und umsetzen wollen. Der Spuk legt sich meistens innerhalb von 14 Tagen. Andere, und zu dieser Sorte gehört mein Chef, kommen noch nörglerischer und schlechter gelaunt zurück als sie es zuvor waren, weil man ihnen gezeigt hat, was sie alles falsch machen – sie aber sind unfähig oder zu bequem, etwas zu verändern.

Innerlich gewappnet, gewillt, jegliche Kritik an mir abperlen zu lassen, betrete ich das Allerheiligste. Überraschung! Er hat sich nicht wie üblich hinter seinem Schreibtisch verschanzt, sondern sitzt gemütlich mit übergeschlagenen Beinen auf einem Sessel in der Sitzgruppe am Fenster. Überraschung die zweite! Wie es mir gehe? Wie ich das Wochenende verbracht habe? Zum abgeschlossenen Projekt habe er schon vom Auftraggeber gehört, dass alles perfekt und zu seiner höchsten Zufriedenheit gelaufen sei. Vollste Anerkennung. Überhaupt sehe er für mich sehr gute Entwicklungschancen, darüber müssten wir in nächster Zeit einmal ausführlich reden. Bisher sei er mit derartigen Gesprächen wohl zu zurückhaltend gewesen, das werde sich nun ändern. Und dann schwärmte er von dem Trainerteam, das ihm letzte Woche gehörig den Kopf gewaschen habe.

Was ist da passiert? Hat man ihn nun auch mit Flausen und neuen Ideen geimpft? Wie nachhaltig ist das? Doch halt, ich will nicht nörglerischer sein, als mein Chef es bisher war. Jeder kann sich ändern, jeder hat eine Chance verdient, auch er. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll: Diese Anerkennung tut echt gut!

Dazu im Management-Handbuch

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