Gute FührungSetzen, sechs!

Viele Projekte scheitern, weil Verantwortliche einfach falsch rechnen.

Angeblich hat der Dramatiker Johann Nepomuk Nestroy einmal von sich behauptet, er rechne nie, denn dann könne das Schicksal ihm auch nie einen Strich durch die Rechnung machen. Wir müssen uns ernsthaft fragen, was passiert wäre, wenn dieser Satz schon Christoph Kolumbus zu Ohren gekommen wäre. Kolumbus nämlich hat gerechnet, und zwar falsch. Er berechnete einen Abstand von höchstens 4.500 Kilometer zwischen den Kanarischen Inseln und Asien. In Wirklichkeit sind es rund 20.000 Kilometer. Hätte Kolumbus die Entfernung richtig berechnet, wäre er möglicherweise gar nicht aufgebrochen. So verdanken wir diesem eigentlich gescheiterten Projekt die (Wieder-)Entdeckung Amerikas.

Kolumbus' Fehlplanung ist ein früher Beleg für eine im modernen Projektmanagement oft kolportierte Behauptung: Planen heißt, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen. Ob wir aber das Resultat von Kolumbus' Projekt, nämlich die Entdeckung Amerikas, dem Zufall zuschreiben oder eher dem Irrtum, ist angesichts der weiteren Entwicklung in Amerika unerheblich. Die Konsequenzen waren in Summe negativ, zumindest für die Ureinwohner des Kontinents.

Wenn wir prominente Beispiele für „Projektmanagement“ aus der jüngeren Vergangenheit betrachten, müssen wir konstatieren, dass das - eigentlich gar nicht vorhandene - Projektmanagement von Kolumbus anscheinend auch heute noch Vorbild vieler Projektmanager ist: Toll-Collect, Transrapid, Elbphilharmonie, Stuttgart 21, Berliner Flughafen – die Mängel sind offensichtlich. Kolumbus hatte ein ziemlich „unscharfes“ Ziel. Er wollte auf dem westlichen Seeweg von Europa nach Ostasien gelangen und dabei Gold und Gewürze finden. Die Unschärfe ist aber angesichts der damaligen Zeit verständlich und entschuldbar. Welche Projektziele haben aber heutige, oft sogar zertifizierte Projektleiter? Sind die Ziele bezüglich Inhalt, Terminen und Kosten immer klar und präzise definiert? Wir können das mit Recht bezweifeln.

Kolumbus legte eine sehr oberflächliche Planung zugrunde, was angesichts des damals verfügbaren Wissens wiederum nachvollziehbar ist. So plante er etwa für die Strecke ab Gomera einen Zeitbedarf von 21 Tagen. Diese Zeitschätzung war ein Folgefehler der falschen Entfernungsberechnung. Doch immerhin: Kolumbus betrieb ein minimales Risikomanagement, denn er plante Proviant für 28 Tage ein. In der heutigen Zeit aber ist die Wissensbasis für die Projektplanung in den meisten Fällen zumindest soweit ausreichend, dass extreme Termin- und Kostenüberschreitungen eigentlich vermieden werden könnten. Wenn in heutigen Projekten tatsächlich gerechnet werden sollte, dann wird wohl fast immer falsch gerechnet, wie bei Kolumbus. Ob aus Dummheit, politischen Gründen oder einer Kombination von beiden, bleibt offen. Und Risikomanagement ist offensichtlich immer noch ein Fremdwort.

Ein weiteres Problem, sowohl bei Kolumbus als auch heute, ist die Motivation der Projektmitarbeiter. Wie gehen sie mit der aus der Kontrolle geratenen Planung um, wie verarbeiten sie die permanenten Misserfolge? Bei Kolumbus wissen wir, dass er haarscharf an einer Meuterei vorbeischlitterte. Erst als das vermeintliche Ziel erreicht war, herrschte wieder einigermaßen Ruhe. Kolumbus' Vorteil war, dass seine Mitarbeiter, auch die qualifiziertesten, nicht einfach kündigen konnten. Fazit: Wer den Zufall nicht durch den Irrtum ersetzen will, der braucht klare Ziele, fundiertes Wissen, realistische Planungen, angemessene Risikobetrachtung und motivierte Mitarbeiter. Einfach nicht rechnen, um Rechenfehler zu vermeiden, ist keine Lösung.

Dazu im Management-Handbuch

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