Gute FührungZuckerbrot und Peitsche

Chefs müssen auch halten, was sie versprechen. Es sei denn, sie wollen demotivierte Mitarbeiter.

Termine, Termine, Termine. Mein Chef hat noch nie besondere Rücksicht auf mich und die Kollegen genommen, wenn es um Termine geht. Gut, in der Vergangenheit gab es manchmal auch Aufgaben, die man locker in der zur Verfügung stehenden Zeit erledigen konnte, aber dieses Glück haben wir nur noch sehr selten. Heute heißt es Tempo, Tempo! Das Projekt sollte möglichst schon gestern fertig sein. Und da sitze ich nun noch nach 20 Uhr im Büro, um wie immer das Unmögliche möglich zu machen und den Termin noch zu halten.

Doch meine Gedanken schweifen ab. Voller Wehmut denke ich an mein gemütliches Zuhause, an ein angenehmes Gespräch im Kreis der Familie. An meinen Sohn, dem ich versprochen habe, ihm bei einem Referat über den „Erlkönig“ zu helfen. Wie war das doch gleich? „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ Sofort geht meine Fantasie mit mir durch: „Wer sitzt so spät noch im Büro …“. Nein, das geht jetzt nicht, ich muss mich auf mein Projekt konzentrieren, sonst wird das nie fertig. Doch nach einem Zehn-Stunden-Tag ist das gar nicht so einfach. Als mein Chef und ich vor ein paar Tagen das Projektziel besprachen und wir dann zur leidigen Terminfrage kamen, hat er da nicht so etwas gesagt wie „Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht“? Dabei dachte er wohl eher an „Mensch, schauen Sie nicht so verärgert!“ Ich: „Aber Chef, kennen Sie meine Auslastung nicht?“ Auch das passt zum „Erlkönig“.

Zurück zum Projekt. Mein Chef ist schließlich kein Unmensch, denn er versprach mir ein Plus bei der nächsten Gehaltsrunde, sollte ich das Projekt zum anvisierten Termin erfolgreich abschließen. Das müsste doch zu schaffen sein. Doch da fällt mir ein: „Mein Vater, mein Vater, und hörest Du nicht, was Erlenkönig mir leise verspricht?“ Ist das etwa das Problem, die Versprechung? „Sei ruhig, bleib ruhig, mein Kind, in dürren Blättern säuselt der Wind“. Ja, das ist es! Waren die Versprechungen meines Chefs nicht schon oft nur leichtes Säuseln? Stattdessen Ausreden wie die wirtschaftliche Lage, der nachlassende Auftragseingang, und ein anderes Projekt, bei dem ich leider das Budget überzogen hätte. „Bitte haben Sie Verständnis …“. Verständnis? Nein. Wenn die in Aussicht gestellte Belohnung wirklich ernst gemeint ist, dann muss sie auch kommen, wenn die Bedingungen erfüllt sind.

Ist mein Chef also wirklich kein Unmensch? Hat er nicht auch sinngemäß gesagt „Und bist Du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt“? Wörtlich klang das so: „Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass dieses Projekt ein wichtiger Meilenstein in Ihrer Karriere ist. Wenn das schief geht, haben Sie ein ernsthaftes Problem.“ Erst jetzt wird mir bewusst, was mein Chef da mit mir macht. Zuckerbrot und Peitsche! Er kennt doch die Situation. Warum macht er dann Druck? So eine Unverschämtheit, kein guter Führungsstil. Jetzt soll ich mich auch noch auf das Projekt konzentrieren? Wie heißt es doch gleich im „Erlkönig“? „… erreicht den Hof mit Mühe und Not; in seinen Armen, das Kind war tot.“ Das Ende für mich: Selbst wenn ich den Termin gerade noch halten kann – meine Motivation ist erst einmal dahin.

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