Likes & LeadsGefakte Rache

Mitarbeiter, die über Bewertungsportale auf Unternehmen eindreschen, müssen noch nicht einmal dort gearbeitet haben.

Seit geraumer Zeit geht in den Chefetagen die Angst vor Arbeitgeberbewertungsportalen um. Befürchtet werden negative Beiträge von Mitarbeitern, die dem Unternehmen bewusst schaden wollen. Doch ist diese Angst tatsächlich berechtigt? Kürzlich erhielt ich eine Interviewanfrage eines Radiosenders, der eine Reportage über ein bekanntes Arbeitgeberbewertungsportal produzierte. Meine persönliche Meinung zu diesem Portal war gefragt und außerdem, wie wir in unserem Unternehmen mit negativen Beiträgen umgehen. Schon in der Vorbesprechung teilte ich der Redakteurin mit, dass ich Arbeitgeberbewertungsportalen grundsätzlich mit gemischten Gefühlen gegenüberstehe. Nicht aus Angst vor negativen Bewertungen, vielmehr bekomme ich Bauchschmerzen, wenn ich daran denke, wie diese Portale – und besonders das vom Radiosender ins Visier genommene – funktionieren.

Gewissenhaft bereitete ich mich also auf das Interview vor. Dazu gönnte ich mir den Spaß, den Arbeitgeber der Redakteurin zu bewerten – selbstverständlich positiv. Das funktionierte, obwohl ich bei dieser Firma tatsächlich noch nie gearbeitet hatte. Geprüft wurde das nicht. Keine fünf Minuten und ich hatte meine Bewertung problemlos und anonym eingestellt.

Dies nutzte die Redakteurin auch gleich als Einstieg ins Interview und staunte nicht schlecht ob der Einfachheit, eine Bewertung willkürlich und ohne Kontrolle zu veröffentlichen. Es ist kinderleicht, seinen Arbeitgeber oder irgendein Unternehmen, bei dem man noch nie zuvor gearbeitet hatte, zu schädigen und sogar Rufmord zu betreiben. Dies ist die dunkle Seite von Social Media Marketing.

Das Social Web soll, vereinfacht ausgedrückt, die Kommunikation zwischen Unternehmen und Konsumenten auf Augenhöhe ermöglichen. Dafür braucht es aber Transparenz und Glaubwürdigkeit – von beiden Seiten. Doch gerade diese Eigenschaften vermisse ich in den einschlägigen Bewertungsportalen.

Sollte ich aufgrund dieser simplen Manipulationsmöglichkeiten nun als Arbeitgeber vor Angst erstarren? Ich sage gelassen nein, denn ein Bewertungsportal braucht nun einmal Reichweite und selbstverständlich auch Nutzer. kununu.com etwa, das größte Portal, wirbt mit rund 300.000 Arbeitgeberbewertungen. Stellt man hingegen diese Zahl in Relation zu den dort derzeit zirka 88.000 bewerteten Firmen, fallen statistisch gesehen nur 3,4 Beiträge pro Firma an.

Ein weiterer Aspekt betrifft das Nutzerverhalten. Während beispielsweise Social-Web-Nutzer in den USA eher konstruktiv an Communities teilnehmen, ist das Verhalten in Deutschland (noch) tendenziell von Kritik geprägt. Außerdem können betroffene Arbeitgeber davon ausgehen, dass die Leser dieser Bewertungen aller Voraussicht nach sachliche Kritik von haltlosen Behauptungen unterscheiden können. Hand aufs Herz: Eine Unternehmenskultur, die von Offenheit und Respekt geprägt ist, ist die Basis für ein gesundes Miteinander innerhalb der Belegschaft und macht solche anonymen Bewertungsmöglichkeiten überflüssig.

 

Dazu im Management-Handbuch

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