Out of the boxWeniger Regeln

Wenn Regeln auf ein Minimum reduziert werden, sind Mitarbeiter aufmerksamer und denken eher mit.

Kennen Sie Hans Monderman? Hans Monderman war Verkehrsplaner – und ein mutiger Mensch, wie wir finden. Vielleicht sogar ein Radikaler. Wenn er in ein Dorf oder eine Stadt eingeladen wurde, dann schaffte er erst einmal alles ab, was vorher über Jahrzehnte aufgestellt worden war, um den Verkehr zu regeln: Stoppschilder, Ampeln, Vorfahrtshinweise. Schön mit der Axt durch den Schilderwald des Stadtverkehrs. Kahlschlag. Die Einwohner waren dann erst einmal ratlos: Wie soll das jetzt gehen? Ist das nicht gefährlich?

Nein, ist es nicht! Ein von der Europäischen Union durchgeführter Modellversuch in sieben europäischen Gemeinden hat gezeigt, dass zu viele Regeln und Regulierungsmaßnahmen die Menschen überhaupt erst dazu bringen, sich dumm zu verhalten. Weil sie durch all die Vorschriften verlernen, selbst zu denken. Ein Beispiel: Sie kramen im Handschuhfach, die Ampel wird grün, Sie geben Gas und, ups, wo kam denn der Radfahrer her? Schafft man die Ampel ab, werden die Menschen plötzlich wieder wach und aufmerksam und verständigen sich per Augenkontakt. Plötzlich genügen drei Regeln: Tempo 30, rechts vor links, aufpassen! Das System ist so selbstregulierend wie der Menschenstrom auf einer Schlittschuhbahn: Die Schnellen achten auf die Langsamen, man lässt sich Raum, gibt auch mal nach. Das Konzept heißt „Shared Space“ und bedeutet gemeinsam genutzter Raum. Er erfordert Rücksichtnahme und Verantwortung – von allen, für alle. Der Effekt? Der Verkehr fließt flüssiger und Unfälle tendieren gegen null. Nachweislich.

Auch in Unternehmen funktioniert das so. Wenn dort die Regeln auf ein notwendiges Minimum reduziert werden (tschüss, Anweisungshandbuch!) muss jeder Mitarbeiter wieder mehr mitdenken: Entscheidungen abgestimmt treffen, sich mit den Kollegen absprechen, auf dem Laufenden bleiben, wach sein. Doch ganz ohne Regeln geht es weder auf den Straßen noch in einer Organisation. Die Buchhaltung eines Unternehmens etwa wäre ohne Standards nicht zu führen. Projekte brauchen Strukturen. Marken brauchen Stringenz. Reduzierte Vorschriften aber genügen beinahe immer und überall. Aus Regelbefolgern werden so Kollegen, die sich ihrer Verantwortung für das Unternehmen bewusst sind. Die vielleicht auch anfangs ein paar Fehler machen, weil sie unsicher sind und sich an den neuen Handlungsspielraum erst gewöhnen müssen: „Darf ich das überhaupt?“ „Wer sagt mir jetzt wie das geht?“ „Soll ich einfach mal?“ Langfristig aber beginnen alle, sehr viel eigenständiger und eigenverantwortlicher zusammenzuarbeiten.

Denjenigen Chefs, die jetzt innerlich eine Vollbremsung hinlegen, sei gesagt: „Shared Space“ funktioniert! Die meisten Menschen können sehr wohl für sich herausfinden, was in einer bestimmten Situation das beste Verhalten ist. Und sie werden Mittel und Wege finden, wie sie ihr Handeln auf das ihres Umfelds abstimmen können. Schaffen Sie also nicht vor lauter Euphorie gleich blind alle Regeln ab – einige übergeordnete Regeln braucht es immer! Doch noch heute eine überflüssige Regel zu finden und direkt abzuschaffen ist definitiv drin. Danach spießen Sie die nächste auf, und die nächste. Der Lohn: kreativere, umsichtigere und effektivere Mitarbeiter, bessere Ergebnisse. Der Preis: Machtverlust. Die Herausforderung: Werben um Akzeptanz und Überstehen der Übergangszeit. Man muss kein radikaler Denker sein wie Hans Monderman, um die Welt ein wenig zu verbessern, aber schon ein bisschen mutig.

Dazu im Management-Handbuch

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