RedeeinstiegDer erste Satz muss begeistern

© Halfpoint - Fotolia.com
Der erste Satz in einer Rede entscheidet darüber, ob der Redner das Publikum für sich einnimmt oder nicht. Lange Wörter, viele Adjektive und Fachchinesich sind deshalb tabu.
erschienen: 15.01.2016
Schlagwörter: Präsentieren
(5 Bewertungen)
5

„Ich habe die Zukunft gesehen, und sie wird nicht funktionieren.“ Wenn dieser erste Satz neugierig macht, dann hat er seinen Zweck erfüllt. Formuliert wurde er als Einstieg in das Resümee einer Chinareise vom New-York-Times-Kolumnist Paul Krugman. Doch dieser Satz ist viel mehr als das – er ist das Zugpferd des gesamten Beitrags. Er motiviert den Leser, dabei zu bleiben, nicht weiterzublättern. Er provoziert Neugier, den Klebstoff zwischen dem Schreibenden und seinen Lesern; denselben Klebstoff, der auch zwischen einem Redner und seinen Zuhörern für Aufmerksamkeit sorgt.

Ganz gleich, ob in einem Zeitungsartikel, einem Buch oder einer E-Mail, im Vortrag, in der Festrede oder in der Präsentation der Quartalszahlen: Nur ein neugieriges Publikum ist ein gutes Publikum! Nur, wer mehr hören will, folgt Ihren Worten, Ihren Ideen und Ihren Botschaften.

Zuhörer fällen in Sekunden ihr Urteil über den Redner

Tatsächlich haben wir genau eine Chance, den ersten Eindruck zu erzeugen. Für den Redner ist das der erste gesprochene Satz einer Rede. Er entscheidet darüber, ob sie ihr Publikum ad hoc für sich einnehmen können oder nicht. Jeder einzelne Zuhörer fällt – ob er will oder nicht – in den ersten Sekunden ihres Auftritts ein (vorläufiges) Urteil über sie. Über Sympathie, Vertrauen und Kompetenz. Umso wichtiger ist es, dass Sie bestmöglich vorbereitet sind – und dazu zählt neben Körpersprache, Erscheinung und Auftritt eben auch ein perfekter erster Satz.

„Ich möchte heute über die erweiterte Produktpalette sowie die daraus folgenden Optionen zur innovativen Weiterentwicklung und Marktpositionierung unseres Sortiments sprechen.“

Dies ist ein Beispiel für einen ersten Satz, wie er nicht aussehen sollte. Er ist lang, anonym, abstrakt und kompliziert. Aber vor allem ist er langweilig. Mit ein wenig Aufwand lässt er sich jedoch spannend formulieren. Gleicher Inhalt, gleiche Aussage:

„Heute erfindet Apple das Telefon neu.“

Mit diesem Satz kündigte Apple-CEO Steve Jobs 2007 das erste iPhone an. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste, was ein iPhone ist, hörte sein Publikum ihm gespannt zu. Der Grund: Jobs hatte seine Worte in diesem Satz mit Sorgfalt und Bedacht gewählt – und so Emotionen geschaffen, noch bevor irgendjemand das neue Handy zu Gesicht bekommen hatte.

Tipp für den Einstieg in eine Rede

Wie planen Sie einen solchen Einstieg in eine Rede? Machen Sie mit Ihrem ersten Satz den sogenannten „Elevator Check“! Stellen Sie sich vor, Sie treffen einen wichtigen Kunden, Ihren CEO oder andere Mitglieder der Unternehmensführung, denen Sie sonst nicht persönlich begegnen, zufällig im Fahrstuhl. In dieser Situation haben Sie rund 20 Sekunden Zeit, um diesen Personen eine Idee zu präsentieren. Das bedeutet: Jeder Satz, jeder Dreh, jede Pointe und natürlich die Kernaussage müssen mit größtmöglicher Präzision und Klarheit präsentiert werden und beim Gegenüber Neugier provozieren. Gelingt das, bekommen Sie einen Termin, um über die Details zu sprechen. Gelingt es nicht, war es bloßer Smalltalk.

Testen Sie verschiedene Einstiege im Kollegenkreis und mit Menschen, die mit Ihrer Materie keine Erfahrungen haben. Dampfen Sie Ihre Aussagen ein und präsentieren Sie am Tag Ihres Auftritts nur die Essenz Ihrer Vorbereitung als ersten Satz. Stellen Sie sich vor, das Publikum – jeder einzelne Ihrer Zuhörer – sei ein CEO, dessen Neugier sie wecken wollen. Haben Sie das geschafft, dann wird er den Rest des Vortrags mit Spannung erwarten. Dass Sie den Termin mit Ihrem Publikum schon haben, heißt nämlich noch längst nicht, dass es – physisch oder geistig – bis zum Schluss Ihrer Rede bei Ihnen bleibt.

Fachchinesisch geht zu Lasten der Verständlichkeit

Ein weiterer durchdachter Satz lautet: „Yes, we can!“ Dieser Satz ist ein Musterbeispiel dafür, was die Verständlichkeitsforschung bereits seit Jahrzehnten weiß: Ein kurzer Satz ist verständlicher als ein langer. Obwohl das viele schon oft gehört haben, werden wir in Reden immer wieder von endlosen Sätzen malträtiert. Warum? Weil viele Experten immer noch dem Irrglaube unterliegen, ein möglichst komplexer und abstrakter Duktus würde Kompetenz vermitteln.

In einer Doktorarbeit, die nur von anderen Experten des gleichen Gebiets gelesen und anhand ihrer Differenziertheit bewertet wird, mag das Sinn machen. In einer Rede jedoch geht die Komplexität zu Lasten des Konkreten, des Anschaulichen, des Simplen, ergo: der Verständlichkeit. Genau das ist jedoch das erste Ziel des Redners: verstanden zu werden. Für alle anderen Redner gelten die folgenden zwei Grundregeln:

  • Je kürzer ein Wort ist, umso verständlicher ist es.
  • Je kürzer ein Satz ist, umso verständlicher ist er.

Wählen Sie Ihre Vokabeln, Nebensätze und Einschübe daher mit Bedacht beziehungsweise suchen Sie nach Alternativen.

Keine Wort-Monster verwenden

Konkret, anschaulich und simpel, so klingt ein guter Redner. Es liegt in Ihrem Ermessen, ob Sie von „interpersoneller Kommunikation“ sprechen statt von „Gesprächen“, von „Work-Life-Balance“ statt vom „Wochenende“. Beobachten Sie einmal, wie viel Redezeit mit derartigen Wort-Monstern gefüllt wird. Legen Sie bei der Redeplanung daher als erstes die sprachlichen Schwergewichte auf die Goldwaage. Sie wollen schließlich als Redner in Erinnerung bleiben, nicht als wandelndes Wörterbuch.

Bei der Wortwahl steckt der Teufel im Detail. Scheinbar konkrete, anschauliche und simple Wörter können die Wirkung Ihrer Rede beeinträchtigen – nämlich immer dann, wenn es ein noch passenderes Wort gibt. Beispiel: das Wort „Gewürz“. Für das Gehirn ist dieses Wort abstrakt. Wenn es jemand ausspricht, wird das Gehirn aktiv, identifiziert den Inhalt und erkennt die Bedeutung. Dies geschieht in der linken Hemisphäre. Die rechte ist unbeteiligt, da der Begriff keine konkrete sinnliche Entsprechung hat.

Downloads im Shop

So konkret wie möglich sein

Das Wort „Gewürz“ ist eine abstrakte Kategorie, denn es gibt viele Gewürze. Sagen Sie dagegen „Zimt“, liefert die linke Hemisphäre beim Hören des Wortes die Bedeutung, während in der rechten die gleichen Areale wie beim Geruch von Zimt aktiv werden.

Ihrem Gehirn ist es egal, über welchen Kanal diese Information eingeht. Es befasst sich komplett mit diesem einen Wort: rational und emotional. Sie als Redner haben die Kontrolle über die Sinneseindrücke Ihres Publikums – indem Sie so konkret wie möglich sind.

Adjektive weichen Aussagen auf

Neben der generellen Feinjustierung der Wortwahl sollten Sie darauf achten, den Einsatz von Adjektiven bewusst zu regulieren. Verwenden Sie nur die nötigsten, denn die meisten weichen Ihre Aussagen auf. Die Aufweichung steht im Widerspruch zur bestmöglichen Reduktion Ihrer Aussage, Pointe oder Ihres Arguments. Ein Beispiel:

„Wir sehen auf die langjährige, erfolgreiche und bewegte Firmengeschichte stolz zurück und erwarten freudig die bevorstehende Zukunft.“

Nach der Adjektiv-Diät klingt dieser Satz so:

„Unsere Firmengeschichte zeigt: Die Zukunft ist uns sicher!“

Streichen Sie Adjektive und suchen Sie nach passenden Substantiven (nicht aber Substantivierungen!). Geizen Sie dafür nicht mit Verben, denn die schaffen Dynamik und verwandeln die Inhalte in Aktion.

Kurze Sätze formulieren

Das zweite Gebot, das die Verständlichkeitsforschung hervorgebracht hat: Formulieren Sie kurze Sätze! Die Zuhörer werden Ihnen besser folgen und sich mehr merken können. Neben der gesteigerten Verständlichkeit bietet das Gebot der Kürze ein dramaturgisches Werkzeug, um die Neugier Ihrer Zuhörer zu wecken: Sagen Sie einen Bruchteil dessen, was Sie zu sagen haben – jedoch gerade genug, um Assoziationen zu wecken. Diesem Mittel entsprungen ist folgende Überschrift einer Kritik über eine Kochsendung:

„Kaum macht man die Glotze an, wird ein Ei aufgeschlagen.“

Hier bekommt der Leser Informationen über das Thema (Kochsendungen im Fernsehen) und den Ansatz, wie es bearbeitet wird. Zu welchen Schlüssen man kommt, bleibt jedoch offen. So sieht der Anfang der Neugier aus: Das Interesse ist geweckt und man bleibt dran.

Beispiele für unkonkrete Formulierungen

Je mehr Reden man hält und hört, desto größer wird der gemeinschaftliche Fundus an Formulierungen, die eine Rede vermeintlich zu einer Rede machen. Sammeln Sie Formulierungen, die jeder nutzt – und vermeiden Sie diese zukünftig. Die meisten sind kontraproduktiv, weil sie die Rede verlängern und unkonkret sind. Beispiele:

  • „Ich würde sagen.“: Warum tun Sie es dann nicht?
  • „Ich meine damit Folgendes:“: Sie müssen das zuvor Gesagte also erklären?
  • „An dieser Stelle...“: An welcher sonst?
  • „In diesem Zusammenhang...“: überflüssige Füllelemente ohne Aussage
  • „Im Klartext:“: Haben Sie zuvor nur drum herum geredet?
  • „Schlicht und einfach...“: War zuvor alles kompliziert und schwierig?

Überflüssige Formulierungen schwächen gute Sätze

Achten Sie auf Ihren rhetorischen Autopiloten oder den anderer Redner und erweitern den Katalog stetig weiter, um überflüssige Formulierungen zukünftig zu vermeiden. Denn sie haben einen fatalen Effekt für alles, was Sie danach sagen: Sie schwächen auch die guten Sätze in ihrer Wirkung ab.

Ein guter Satz kann auch ein Satz mit einer unerwarteten Wendung sein. Stellen Sie Fragen, die andere zum Nachdenken auffordern. Die zwingen, um die Ecke zu denken. Die bildhafte Assoziationen hervorrufen. Klopfen Sie Ihr Vorhaben auf mögliche Pointen ab. Pointen unterhalten und schaffen Neugier. Fragen Sie sich, ob der Inhalt Ihres Vortrags oder Ihrer Rede Raum für Ironie, Wortwitz und höfliche Bosheit lässt. Durch Komik wird einer Aussage eine neue Ebene verliehen, die Neugier schafft und Aufmerksamkeit weckt. Beispiel:

„Planung bedeutet, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen.“

Fazit

Entwickeln Sie die Bereitschaft, länger an einem Satz zu feilen – besonders dann, wenn es Ihr erster ist. Machen Sie nicht den Fehler und bereiten Sie Ihre Rede komplett schriftlich vor, schließlich soll es eine Rede sein und keine Schreibe. Legen Sie bei der Vorbereitung dafür den Fokus auf die Schlüsselsequenzen: Einstieg, Argumente, Kernaussage beziehungsweise Handlungsaufforderung, Ende. Planen Sie schließlich genau, was Sie wie sagen.

Checkliste: So sorgen Sie für maximale Verständlichkeit

  • Anschaulich (bildhaft), greifbar (konkret), simpel (so kurz wie möglich, so lang wie nötig) sprechen
  • Sich kurz fassen: kurze Worte, kurze Sätze, kurze Rede
  • Konkrete Begriffe verwenden (Begriffe, für die es eine sinnliche Entsprechung gibt) und die kleinste Einheit dessen, was Sie sagen wollen; Beispiel: „Regen“, nicht „Wetter“ oder „Klimawandel“
  • Anzahl der Adjektive minimieren und wo immer möglich Verben nutzen
  • Abgegriffene Formulierungen vermeiden
  • Binsenweisheiten vermeiden; Beispiel: „Wir sind heute hier, um einen Vortag zu hören.“
Über den Autor
René Borbonus

René Borbonus gehört zum renommierten Kreis der Top 100 Excellence Speakers und bewegt sich – als Buchautor, Vortragsredner und einer der führenden Kommunikationstrainer im deutschsprachigen Raum – bewusst an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis.

AnschriftSt. Barbara-Str. 36
56412 Ruppach-Goldhausen
Telefon+49 2602 998093
E-Mailkontakt@rene-borbonus.de
Internetwww.rene-borbonus.de
Xingwww.xing.com/profile/Rene_Borbonus

Weitere Artikel des Autors