Wirtschaftlichkeit und EthikSo formulieren Sie einen Ethik-Kodex

Rentabilität und Ethik schließen sich nicht aus. Um ethische Prinzipien im Unternehmen zu verankern, braucht es ein ethisches Grundverständnis. Dabei hilft ein Ethik-Kodex.
Von Dr. Anke Nienkerke-Springer

Ein verbindlicher Ethik-Kodex rückt einige Fragen zum unternehmerischen Handeln in den Mittelpunkt. Beschränken Sie sich dabei auf fünf bis zehn elementare Kernaussagen. Diese Prinzipien müssen klar und nachvollziehbar formuliert sein. Die folgenden sieben Tipps unterstützen Sie bei der Ausarbeitung eines Ethik-Kodexes.

Tipp 1: Sowohl-als-auch-Denken erlernen

Lösen Sie sich vom kontraproduktiven Entweder-oder-Denken. Zu viele Entscheider in den Unternehmen glauben, nur eines könne gelingen: Entweder Wirtschaftlichkeit und Gewinnorientierung erreichen oder ethische Intentionen verwirklichen. Jedoch gibt es viele Beispiele, wo Unternehmer in ihren Firmen vorleben, dass wirtschaftlicher Erfolg und stabiles Wachstum trotz – oder gerade wegen – ethischer Überzeugungen möglich sind. Oft sind gerade die Unternehmen überlebensfähig, die sich von der Entweder-oder-Haltung verabschiedet haben und zum Sowohl-als-auch-Denken fähig sind.

Am Anfang steht also die Frage: Gelingt es, das Sowohl-als-auch-Denken zu verinnerlichen?

Tipp 2: Schnittmengen bilden

Unternehmen müssen natürlich rentabel wirtschaften. Wer das nicht tut, gefährdet Arbeitsplätze und die Existenzgrundlage der Firma. Andererseits: Skandale, die die Republik regelmäßig erschüttern, belegen, welche fatalen Konsequenzen es für Gesellschaft und Wirtschaft hat, wenn Unternehmen einzig das Rentabilitätsdenken in den Fokus rücken.

Schnittmengen zwischen ökonomisch und ethisch verantwortbaren Handlungsprogrammen lassen sich jedoch herstellen. Voraussetzung ist, dass Unternehmen bei jeder Entscheidung prüfen, ob und wie sich beide Interessen – Wirtschaftlichkeit/Gewinn/Rentabilität und Ethik/Moral/verantwortliches Handeln – verknüpfen lassen. Ein anschauliches Beispiel: Wenn sich ökonomische Ziele nur verwirklichen lassen, indem Mitarbeiterinteressen (etwa im Bereich Arbeitszufriedenheit) oder Kundeninteressen (etwa im Bereich Sicherheit) eklatant beschädigt werden, dann handelt es sich nicht um ein ethisch verantwortbares Handlungsprogramm.

Die Frage ist: In welchen Bereichen ist es möglich, Schnittmengen zwischen ökonomisch und ethisch verantwortbaren Handlungsprogrammen zu bilden?

Tipp 3: Ethisches Grundverständnis formulieren

Schaffen Sie ein ethisches Bewusstsein. Die Notwendigkeit und die Sinnhaftigkeit, ethische Kriterien in ökonomische Überlegungen einzubeziehen, müssen selbstverständlich werden. Dies ist leichter gefordert als getan: Notwendig ist ein intensiver Diskussionsprozess mit dem Ziel, einen Ethik-Kodex zu erstellen, der allen Beteiligten als Leitfaden dient.

Formulieren Sie Geschäftsprinzipien und Unternehmensleitsätze, in denen sich das ethische Grundverständnis Ihres Unternehmens niederschlägt. Denn immer mehr Kunden und Konsumenten wollen heute wissen, welche ethische Haltung ein Unternehmen einnimmt, welche sozial-ökologischen Grundsätze es für wichtig erachtet, ob es ressourcenschonend agiert und mit Menschen und der Umwelt fair umgeht: Mithilfe welcher konkreten Aktivitäten gelingt es, Ökonomie und Ökologie miteinander zu verbinden und zu versöhnen?

Ein Beispiel sind ethische Geldanlagen: Investoren wollen wissen, was genau mit ihrem Geld geschieht und die Mitwirkung an fragwürdigen und ethisch zweifelhaften Geschäften vermeiden, selbst wenn das Renditeversprechen äußerst attraktiv ist. Dieses Bewusstsein wächst.

Fragen Sie sich daher: Wie lautet Ihr ethisches Grundverständnis?

Tipp 4: Viele Führungskräfte und Mitarbeiter beteiligen

Damit der Ethik-Kodex an Verbindlichkeit gewinnt und sich die Beteiligten mit ihm identifizieren, sollten möglichst viele Führungskräfte und Mitarbeiter an der Ausarbeitung beteiligt werden. Immerhin sind es vor allem die Mitarbeiter, die im operativen Geschäft und in der Interaktion mit den Kunden die ethischen Leitlinien mit Leben füllen.

Überlegen Sie dazu: Ist es ratsam, eine „Ethik-Task-Force“ zu bilden, die aus Führungskräften und Mitarbeitern aus möglichst allen Unternehmensbereichen besteht?

Tipp 5: Klären Sie Ihr Verhältnis zu Kunden und Mitarbeitern

Bei der Erstellung eines Ethik-Kodexes ist wichtig, Ihr Verhältnis zu den Kunden, den Mitarbeitern, den Wettbewerbern und anderen Stakeholdern zu klären und im Kodex zu verankern. Zum Beispiel können folgende Aspekte inhaltliche Leitlinien sein: Ihre Vision und Ihre Mission, Ihre unternehmerische Kernbotschaft und der Unternehmenszweck und die Richtung, in die sich Ihr Unternehmen entwickeln soll.

Bezüglich Ihrer Kundenorientierung kann der Kodex zum Beispiel beschreiben, welchen Kundennutzen das Unternehmen stiften will und welche Aspekte bei der Qualität der Produkte und Dienstleistungen besonders berücksichtigt werden. Im Rahmen der Mitarbeiterbeziehungen können Sie betonen, dass Sie Ihre Mitarbeiter nicht als bloße Funktionsträger sehen, sondern als Individuen mit Persönlichkeit. Mitarbeiter sind Leistungsträger, keine Kostenfaktoren.

Wie definieren Sie also Ihr Verhältnis insbesondere zu Kunden und Mitarbeitern?

Tipp 6: Über den Tellerrand hinausblicken

Erweitern Sie bei der Kodex-Erstellung Ihre Perspektive: Wie gehen Sie mit Ressourcen um? Wie stehen Sie zu Ihrem Umfeld, den Institutionen, mit denen Sie zu tun haben, der Gesellschaft insgesamt? Denken Sie an die Konsequenzen Ihres Handelns für nachfolgende Generationen? Nachhaltigkeit ist das Stichwort.

Neben der Nachhaltigkeit stehen in Unternehmen mit ethischem Bewusstsein Prinzipien wie Sinnstiftung, Fairness, Transparenz und Potenzialentfaltung im Fokus. Solche Unternehmen behandeln ihre Mitarbeiter zum Beispiel fair und auf Augenhöhe, sie verfolgen eine offene Kommunikations- und Informationspolitik. Ihr Ziel ist, dass die Mitarbeiter ihre Kompetenzen und Qualifikationen an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz einsetzen und entfalten können.

Mit Sinnstiftung ist gemeint, dass es Antworten auf die Frage gibt: „Warum machen wir das, was wir tun?“

Tipp 7: Den Kodex ständig anpassen

Gleichen Sie den Ethik-Kodex ständig mit der Realität ab – er ist nicht in Stein gemeißelt und sollte neuen Rahmenbedingungen angepasst und gegebenenfalls verändert werden. Prüfen Sie, welche ethischen Ziele angestrebt und welche in der Realität gelebt werden. Formulieren Sie Gebote statt Verbote, um die Menschen zum engagierten Mitmachen zu bewegen.

Fazit

Um Unternehmen verantwortungsvoll in die Zukunft zu führen, ist die Balance zwischen dem Zwang zur wirtschaftlichen Rentabilität einerseits und Ethik, Moral und Werteorientierung andererseits erforderlich. Wirtschaftlichkeit und Ethik dürfen nicht als Gegensätze begriffen, sondern sollten als die zwei Seiten ein und derselben Medaille definiert werden.

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