DebriefingWie Sie Erfahrungswissen übergeben

Erfahrungswissen lässt sich nur schwer weitergeben. Es zeigt sich aber in den Gründen hinter Entscheidungen. Diese lassen sich mithilfe von Fallkarten übertragen. So nutzen Sie dieses Instrument.

Das Übergabegespräch für Erfahrungswissen

Eine erfahrene Fachkraft verlässt das Unternehmen. Vorgänge und Dateien sind übergeben. Doch der Nachfolger weiß bei einer Ausnahme nicht, warum früher anders entschieden wurde. Hier kommt Erfahrungswissen ins Spiel.

Frühere Entscheidungen und Ausnahmefälle belegen das Erfahrungswissen. Deshalb sollten Entscheidungen und ihre Begründung bei einer Übergabe ausreichend erklärt werden.

Wie können Führungskräfte solche Gründe nachvollziehbar dokumentieren?

Hier hilft eine einfache Fallkarte. Sie ergänzt das Übergabegespräch um Belege, Grenzen und offene Fragen. Planen Sie für den Einstieg ausreichend Arbeitszeit ein, um eine Fallkarte zu erstellen. Dabei genügen

  • eine abgegrenzte Aufgabe,
  • ein Gespräch und
  • die gemeinsam geprüfte Fallkarte.

Der nächste Schritt ist die Anwendung an einem anderen Fall. Dabei prüfen Sie, welche Gründe der Nachfolger nachvollziehen kann und wo weitere gemeinsame Arbeit nötig ist.

Welche Entscheidungen gehören in die Übergabe?

Beginnen Sie mit einer konkreten Aufgabe, die nach dem Personalwechsel weiterlaufen muss. Im Einkauf könnte das der Umgang mit verspäteten Lieferungen sein, im Kundendienst die Entscheidung über eine Kulanzleistung.

Wählen Sie zunächst wenige abgeschlossene Vorgänge aus, bei denen die übliche Arbeitsanweisung keine ausreichende Antwort gab. Nun geht es darum, welche Entscheidungen bei den ausgewählten Aufgaben und Vorgängen wichtig waren.

Bitten Sie die ausscheidende Person um

  • einen gewöhnlichen Fall,
  • eine schwierige Ausnahme und
  • eine Entscheidung, die sie heute anders treffen würde.

Diese Auswahl ist ein praktischer Einstieg, keine festgelegte Mindestmenge und kein Nachweis, dass damit ihr gesamtes Erfahrungswissen erfasst wäre.

Ermitteln Sie gemeinsam, was der Nachfolger bereits kann und wobei er Unterstützung braucht. Wenn sich ein wichtiger Unterschied nur beim Beobachten einer Tätigkeit erkennen lässt, planen Sie eine gemeinsame Bearbeitung oder Vorführung ein.

Eine schriftliche Fallkarte mit einer Beschreibung kann diese Erfahrung ergänzen. Sie kann aber nicht jede Fertigkeit vermitteln. Wenn eine gemeinsame Bearbeitung des Falls möglich ist, nutzen Sie die Karte als Gesprächsgrundlage während der Fallbearbeitung. 

Fragen Sie nach dem damaligen Kenntnisstand

Lassen Sie den Vorgänger den Fall zuerst in zeitlicher Reihenfolge erzählen:

  • Was lag vor?
  • Welche Möglichkeiten sahen Sie damals?
  • Welches Signal gab den Ausschlag?
  • Was war zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt? 

Trennen Sie dabei die damalige Entscheidung vom später bekannten Ergebnis. Eine Entscheidung kann nachvollziehbar gewesen sein und trotzdem ungünstig ausgehen. Umgekehrt beweist ein gutes Ergebnis nicht, dass die Begründung tragfähig war. 

Die Frage „Warum haben Sie so entschieden?“ reicht deshalb nicht aus. Fragen Sie zusätzlich:

„Welche Information hätte Ihre Entscheidung damals geändert?“ und

„Was spricht aus heutiger Sicht gegen Ihre damalige Einschätzung?“

So wird auch sichtbar, an welcher Stelle eine Erfahrung erneut geprüft werden muss.

Was gehört auf eine Fallkarte?

Die folgende Arbeitsvorlage ist ein Vorschlag für das Übergabegespräch. Sie soll die Rekonstruktion einer Entscheidung erleichtern. Eine bestimmte Wirkung oder eine vollständige Erfassung des Wissens ist damit nicht nachgewiesen.

  • Situation: Aufgabe, Zeitpunkt, verfügbare Informationen und damalige Einschränkungen.
  • Entscheidung: Gewählte Handlung und tatsächlich erwogene Alternativen, soweit sie dokumentiert sind oder erinnert werden; andernfalls die Lücke kennzeichnen.
  • Begründung: Ausschlaggebende Hinweise und Abwägungen; Erinnerung und damalige Dokumentation getrennt kennzeichnen.
  • Belege: Dokumenttitel, Datum, Version und genaue Fundstelle; auch festhalten, wenn ein Beleg fehlt oder widerspricht.
  • Grenzen: Unter welchen Bedingungen der Fall vergleichbar ist und wann seine Begründung nicht übernommen werden sollte.
  • Weiterarbeit: Offene Fragen, heutiger Status, verantwortliche Person sowie Anlass oder Termin für eine erneute Prüfung. 

Übernehmen Sie einen Grund nicht als gesicherte Tatsache, nur weil die Fachkraft ihn plausibel erklärt. Wird eine Aussage ausschließlich im Übergabegespräch gemacht, kann der Eintrag lauten:

„Rückblickende Einschätzung der bisherigen Stelleninhaberin; kein zeitgenössischer Beleg gefunden.“

Das ist als Erinnerung nutzbar, hat aber einen anderen Belegstatus als eine damalige Freigabenotiz.

Auch ein vorhandenes Dokument muss zur Aussage passen. Ein Lieferbericht belegt beispielsweise den verzeichneten Eingangstermin. Ob genau dieser Termin für die damalige Entscheidung ausschlaggebend war, muss sich aus einer zusätzlichen Notiz oder aus der gekennzeichneten Erinnerung ergeben. 

Beispiel: Eine Lieferverzögerung richtig einordnen

Das folgende Beispiel ist erfunden und dient der Erläuterung. Es beschreibt keinen Kundenfall und enthält keine gemessenen Ergebnisse. 

Eine Einkäuferin akzeptierte bei einem Auftrag die verspätete Lieferung eines Bauteils. Ihre Nachfolgerin könnte daraus die Regel ableiten: „Bei diesem Lieferanten sind Verzögerungen vertretbar.“

Aus der Fallkarte ergibt sich jedoch eine genauere Begründung:

  • Für den damaligen Auftrag war nach dem dokumentierten Produktionsplan ein zeitlicher Puffer vorhanden.
  • Eine sofortige Ersatzbeschaffung hätte eine zusätzliche Prüfung erfordert.
  • Die Einkaufsleitung hatte der gewählten Lösung für diesen Vorgang zugestimmt. 

Zu den Belegen gehören in diesem Muster die datierte Auftragsnotiz, der damalige Produktionsplan und die Freigabe. Fehlt die Auftragsnotiz, bleibt offen, ob die Begründung schon damals so formuliert wurde oder erst im Rückblick entstand. 

Die Grenze der Übertragbarkeit lautet:

Ein neuer Auftrag braucht eine eigene Prüfung von Termin, Verfügbarkeit und erforderlichen Freigaben.

Die historische Zustimmung gilt nur für den alten Vorgang. Ist heute kein Puffer vorhanden, lässt sich die frühere Entscheidung daraus nicht ableiten. 

Der Nutzen der Karte liegt hier in der präziseren Frage: „Sind die damaligen Voraussetzungen heute ebenfalls erfüllt?“ Eine pauschale Empfehlung zum Lieferanten liefert sie nicht.

Wie prüfen Sie, ob die Übergabe verständlich ist? Ein Übungsfall

Lassen Sie den Nachfolger zunächst die Gründe eines dokumentierten Falls in eigenen Worten erklären. Er soll zeigen, welche Aussage sich auf welche Unterlage stützt und welche Frage ungeklärt bleibt.

Prüfen Sie dabei auch, ob er die genannten Dateien mit seinen eigenen Zugriffsrechten tatsächlich öffnen kann. Besprechen Sie anschließend einen anderen, vergleichbaren Übungsfall, der nicht in der Fallkarte steht.

Verändern Sie eine entscheidende Bedingung: etwa die verfügbare Zeit oder die bisherige Freigabe. Fragen Sie,

  • welche frühere Überlegung noch passt,
  • was neu geklärt werden muss und
  • wer für die aktuelle Entscheidung zuständig ist.

Bewerten Sie die Begründung anhand der vorliegenden Informationen. Die neue Entscheidung muss nicht mit der bevorzugten Antwort des Vorgängers übereinstimmen. Eine nachvollziehbare Abweichung kann gerade zeigen, dass die Grenze des alten Falls verstanden wurde. 

Ein solcher Übungsfall prüft zunächst die Verständlichkeit Ihrer Unterlagen. Er belegt weder eine allgemeine Verbesserung der Entscheidungsqualität noch einen erfolgreichen Wissenstransfer für sämtliche Aufgaben.

Notieren Sie, wo

  • Informationen fehlten,
  • die Erklärung unklar war und
  • eine fachliche Rückfrage notwendig blieb.

Überarbeiten Sie danach die betroffene Karte. 

Wie können Sie KI dabei einsetzen?

Ein freigegebenes KI-Werkzeug kann aus geeigneten Gesprächsnotizen einen Entwurf der Fallkarte erstellen oder Rückfragen vorschlagen. Verwenden Sie dafür nur Unterlagen, die im vorgesehenen Werkzeug verarbeitet werden dürfen, und begrenzen Sie sie auf den betrieblichen Zweck.

Geben Sie vor, dass fehlende Gründe als offen erscheinen müssen. Ergänzungen der KI dürfen nicht unbemerkt zu Aussagen der befragten Person werden.

Prüfen Sie den Entwurf mit ihr und halten Sie fest, welche Formulierungen bestätigt, geändert oder verworfen wurden. 

Wenn später eine KI aus den Karten antwortet, prüfen Sie die entscheidenden Angaben an den Originalunterlagen. Ein Quellenlink zeigt zunächst, wo nachgesehen werden kann. Er belegt für sich noch nicht, dass die Antwort den Inhalt richtig wiedergibt.

Die aktuelle Entscheidung und ihre Freigabe bleiben eine eigenständige Aufgabe.

Wer hält die Fallkarten aktuell?

Benennen Sie eine Person, die nach dem Stellenwechsel Änderungen einarbeitet und offene Punkte verfolgt.

Legen Sie die Karten dort ab, wo das zuständige Team sie bei der Arbeit findet. Der Zugriff sollte sich nach dem benötigten Inhalt richten; persönliche Gesprächsteile gehören nicht automatisch in eine betriebliche Wissenssammlung.

Bewahren Sie die frühere Fassung erkennbar als historischen Stand auf, wenn sich eine Begründung ändert. Ergänzen Sie, seit wann und weshalb eine andere Einschätzung gilt. So kann der Nachfolger später unterscheiden, ob er eine frühere Entscheidung nachvollzieht oder eine heute gültige Arbeitsregel liest.

Dazu im Management-Handbuch

Vorlagen nutzen

Excel-Tipps

Premium-Mitglied werden
Mit der Premium-Mitgliedschaft haben Sie Zugriff auf alle Anleitungen und alle Vorlagen.
  • Schritt-für-Schritt-Anleitungen
  • Vorlagen, Muster, Checklisten
  • Excel-Tools und Excel-Rechner
  • Nur 66,00 pro Jahr *
* Preis enthält 19% MwSt. und ist gültig in Deutschland. In anderen Ländern ggf. abweichend. Noch günstiger für Studierende.