Szenario-TechnikGrundlagen und Vorgehensweise bei der Szenario-Technik

Mit der Szenario-Technik erarbeiten Sie sich in acht Schritten unterschiedliche Bilder von der Zukunft für Ihr Unternehmen und für das Umfeld. Der Szenario-Trichter ist ein anschauliches Bild, das die Unsicherheit und Komplexität bei der Analyse sichtbar macht. Was tatsächlich passiert, lässt sich damit nicht vorhersagen, aber besser einschätzen.

Vielfalt der Entwicklung mit dem Szenario-Trichter sichtbar machen

Die Entwicklung von Szenarien können Sie sich mithilfe des sogenannten Szenario-Trichters verdeutlichen. Eine Vielzahl von Einflussfaktoren aus dem Umfeld eines Unternehmens, also Märkte, Wettbewerb, Infrastruktur, Gesetze oder Gesellschaft, wirken auf Ihr Unternehmen ein. Sie bestimmen zum Beispiel, welche Produkte Sie verkaufen können und dürfen, welche Technologien wirtschaftlich sind, was die Stakeholder erwarten und welche neuen Wettbewerber auftauchen. Je nachdem, wie sich diese Umfelder und Rahmenbedingungen verändern, entstehen für Ihr Unternehmen Potenziale, Chancen, Gefahren, Risiken oder Krisen.

Wenn Sie versuchen, alle Aspekte einzugrenzen oder abzuschätzen, dann müssten Sie jeden einzelnen Einflussfaktor und Treiber der Entwicklung in die Zukunft projizieren und vorhersagen. Dabei kommen Sie schnell an einen Punkt, an dem Sie nicht wissen:

  • Welche Einflussfaktoren spielen überhaupt eine wichtige Rolle?
  • Wie werden sich diese Einflussfaktoren in den nächsten Jahren entwickeln?
  • Welche Auswirkungen werden alternative Entwicklungen oder Umbrüche auf das Unternehmen haben?

Die Unsicherheit steigt mit der zeitlichen Perspektive und Langfristigkeit der Szenario-Analyse sowie mit der zunehmenden Zahl von Alternativen und deren Kombinationsmöglichkeiten. Um diese zunehmende Unsicherheit und die vielen möglichen Entwicklungswege visuell darzustellen, wird bei der Szenario-Technik das Bild des Trichters verwendet (siehe Abbildung 1).

In naher Zukunft (linke Seite des Szenario-Trichters) ist die Situation noch einigermaßen gut einschätzbar und die Entwicklung der Einflussfaktoren beschränkt sich auf einen abgrenzbaren Bereich. Geht der Blick weit in die Zukunft, dann öffnet sich der Szenario-Trichter immer mehr (rechte Seite), weil die möglichen Entwicklungswege immer weniger einzugrenzen sind. Der Trichter ist also ein Symbol für zunehmende Komplexität und Unsicherheit!

Abbildung 1: Mit dem Szenario-Trichter unterschiedliche Zukünfte beschreiben

Was der Szenario-Trichter zeigt

Was der Szenario-Trichter sichtbar machen soll:

  • Ausgehend von der Gegenwart, nimmt der Einfluss der heute gültigen Tatbestände mit fortschreitender Zukunft ab.
  • Es gibt eine Vielzahl von Szenarien. In der Praxis hat es sich aber bewährt, sich auf drei bis fünf Szenarien zu konzentrieren.
  • Dazu gehört einmal ein Szenario, das eine Trendverlängerung aus heutiger Sicht darstellt.
  • Daneben gehören in der Regel Szenarien dazu, die an den Randpunkten des Trichters liegen; sogenannte optimistische oder pessimistische Extremszenarien. Diese treten auf, wenn sich Einflussfaktoren auf radikale Art und Weise einseitig entwickeln.
  • Die sich später realisierende Zukunft wird mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwo zwischen den Extremszenarien liegen.

Dieses Denkmodell der zukünftigen Entwicklung und der Bedeutung von Szenarien sowie die Darstellung in der Trichterform sind Grundlage für alle Anbieter von Szenario-Technik und entsprechenden Beratungsleistungen. Auch wenn Sie im Detail andere Methoden und Werkzeuge einsetzen, so sind ihren Konzepten folgende Merkmale gemeinsam:

  • Ausgangspunkt ist eine gründliche Analyse der gegenwärtigen Situation, die zu einem Verständnis der Wirkungszusammenhänge führt.
  • Für Einflussfaktoren mit unsicherer Zukunftsentwicklung werden nachvollziehbare und begründete Annahmen getroffen.
  • Als Ergebnis werden alternative Zukunftsbilder vorgelegt, die in sich konsistent sind.
  • Je weiter die zeitliche Perspektive reicht, desto mehr Unsicherheit steckt in den einzelnen Szenarien; deren Beschreibung wird deshalb im Allgemeinen „unschärfer“, der Szenario-Trichter öffnet sich.

Beispiel: Szenario-Trichter für Elektromobilität

Der Szenario-Trichter als Visualisierung zunehmender Unsicherheit für unterschiedliche Szenarien wird im konkreten Fall in verschiedenen Varianten abgebildet. Oft geht es dabei darum, die Entwicklung eines Indikators deutlich zu machen, der einen Sachverhalt beschreibt. Zum Beispiel die Entwicklung von Marktpotenzialen.

Abbildung 2 zeigt dies am Beispiel der Elektromobilität bei Fahrzeugen (Pkw). Der Indikator ist die Anzahl der zugelassenen Fahrzeuge in Deutschland. Er soll sichtbar machen, wie sich diese Form der Elektromobilität entwickeln könnte. Dazu hat das Fraunhofer ISI eine Studie mit unterschiedlichen Szenarien erstellt: Markthochlaufszenarien für Elektrofahrzeuge (Januar 2014).

© Patrick Plötz et al. – Fraunhofer ISI
Abbildung 2: Markthochlauf für den Bestand an Elektrofahrzeugen in den drei Szenarien

Inzwischen (2020) kann beurteilt werden, wie die Entwicklung tatsächlich verlaufen ist. Im Jahr 2020 lag der Bestand an rein elektrisch angetriebenen Pkw in Deutschland bei rund 350.000 Fahrzeugen. Das bedeutet, dass das ein Zustand erreicht wurde, der zwischen dem mittleren und dem Contra-Szenario liegt. Wenn diese Entwicklung mit den Annahmen und Einflussfaktoren verglichen wird, die im Jahr 2013 als wichtig eingeschätzt wurden, lassen sich das Szenario-Modell und die Szenario-Analyse für die Zukunft weiter verbessern.

Ziele und Aufgaben im Rahmen der Szenario-Technik

Die Entwicklung von Szenarien ist aufwendig. Oft müssen interne und externe Expertinnen und Experten eingebunden, umfangreiche Informationsrecherchen durchgeführt und Zusammenhänge mithilfe von spezieller Szenario-Software sichtbar gemacht werden. Deshalb ist es wichtig, die Ziele, die mit der Durchführung eines Szenario-Projekts und mit der Entwicklung von Szenarien verbunden sind, vorab genau zu klären.

Die Ziele ergeben sich aus dem Zweck und der späteren Anwendung der Ergebnisse aus der Szenario-Technik. Immer geht es dabei um folgende übergeordnete Zielsetzungen – unabhängig von den konkreten Fragestellungen:

  • Informationen über künftige Entwicklungen, die bereits heute erkennbar sind, systematisch sammeln, analysieren und aufbereiten, um damit eine umfassende Beurteilung der Zukunft zu gewährleisten.
  • Wahrscheinlichkeiten ermitteln, mit denen sich die wichtigsten Einflussfaktoren auf ein Unternehmen in Zukunft verändern werden.

Daraus leiten sich die Aufgaben ab, die im Rahmen der Szenario-Technik erfüllt werden müssen:

  • die Entscheidungskriterien der Kunden, der Wettbewerber und anderer wichtiger Akteure im Umfeld (Stakeholder) analysieren, soweit sie für die Entwicklungen im Szenario-Feld relevant sein können
  • alternative Strategien der Wettbewerber beobachten
  • Konfrontationen, Widersprüche, Ungereimtheiten, Brüche, Veränderungen, Chancen und Risiken diskutieren
  • unterschiedliche Auffassungen bei strategischen Entscheidungen zu gemeinsamen Aktionsplänen zusammenbringen
  • es für Führungskräfte leichter machen, über die Zukunft der Unternehmung besser nachzudenken

Szenario-Feld

Das Szenario-Feld umfasst den Bereich, der durch die erstellten Szenarien erklärt werden soll. Das kann das Produkt oder ein Geschäftsfeld Ihres Unternehmens sein, das Umfeld für dieses Produkt (Markt, Kunden, Wettbewerb) oder ein gesamtes System, das aus dem Produkt, aber auch den internen Prozessen, Produktionstechnik, Marketing etc. besteht.

Phasen der Szenario-Entwicklung

Um diese Aufgaben zu erfüllen, ist die Szenario-Technik mit Szenario-Analyse und Szenario-Entwicklung in mehrere Phasen unterteilt. Diese werden in den folgenden Abschnitten dieses Handbuch-Kapitels erläutert. Fast alle Szenario-Experten und Szenario-Schulen teilen die Szenario-Entwicklung in mehrere Phasen, Stufen oder Schritte ein. Eine bewährte und etablierte Vorgehensweise stammt von Ute Hélène von Reibnitz und Horst Geschka. Sie unterscheiden folgende Phasen:

  1. Aufgabenanalyse
  2. Einflussanalyse
  3. Trendprojektionen
  4. Alternativenbündelung
  5. Szenario-Interpretation
  6. Konsequenzenanalyse
  7. Störereignisanalyse
  8. Szenario-Transfer

Um umfassende Szenarien zu erstellen und zu beschreiben und die Stärke unterschiedlicher Einflussfaktoren besser beurteilen zu können, braucht es die Erfahrung von Szenarien-Entwicklern, die sich auskennen in Bezug auf die relevanten Fragestellungen und die mit der Szenario-Technik vertraut sind. Oft nutzen spezialisierte Anbieter von Szenario-Projekten Simulations-Software, um komplexe Zusammenhänge zwischen einer Fülle von Einflussfaktoren und möglichen Entwicklungen zu erkennen und zu analysieren.

Szenario-Arbeit vorbereiten und Szenario-Feld abstecken

Voraussetzung für die Entwicklung von Szenarien mit Expertinnen und Experten ist, dass Sie die Szenario-Arbeit vorbereiten. Dazu zählt, dass Sie die Ziele für das Szenario-Projekt festlegen und ein Team zusammenstellen, das dieses Projekt durchführt. Sie machen einen Zeitplan und legen die Projektorganisation fest.

Besonders wichtig ist, dass Sie den Bereich abgrenzen, für den Sie ein Szenario entwickeln wollen – das sogenannte Szenario-Feld. Mit dem Szenario-Feld klären Sie die Fragen, die Sie bei der Szenario-Arbeit bearbeiten wollen; Beispiele können sein:

  • Was soll mit der Entwicklung von Szenarien erreicht werden?
  • Welche Entscheidungen sollen unterstützt werden?
  • Welche Art von Strategie soll erarbeitet werden?

Arbeitsschritte für die Szenario-Entwicklung in der Übersicht

Nach dieser Vorarbeit steigen Sie mit Ihrem Szenario-Team in den eigentlichen Prozess der Szenario-Entwicklung ein. Die zentralen Fragen, die Sie dabei bearbeiten und beantworten müssen, zeigt die folgende Mindmap (Abbildung 3) auf.

Abbildung 3: Übersicht zu den einzelnen Arbeitsschritten bei der Szenario-Technik
Praxis

Legen Sie im ersten Schritt fest: Für welche Geschäftsbereiche Ihres Unternehmens wollen Sie Szenarien entwickeln und beschreiben? Was ist Ihr Szenario-Feld?

Zur Vorbereitung der Szenario-Analyse und Szenario-Entwicklung sollten Sie anschließend folgende Fragen klären:

  • Welche Ziele verfolgen Sie mit einem Szenario-Projekt?
  • Zu welchen (strategischen und langfristig wichtigen) Fragen erwarten Sie Antworten?
  • Wer steht in Ihrem Unternehmen für die Szenario-Entwicklung zur Verfügung?
  • Welche Expertisen bringen diese Personen mit?
  • Welche Expertise benötigen Sie von externen Dienstleistern?

Die zentralen Fragestellungen sind in der folgenden Mindmap benannt. Sie können diese als Grundlage für Ihre Detailplanung der Szenario-Technik nutzen.

Wenn Sie externe Expertinnen und Experten einbinden wollen:

  • Prüfen Sie, welche Anbieter von Szenario-Technik und Szenario-Projekten Ihnen bei der Strategieplanung und bei der Analyse von möglicher Zukunft helfen können.
  • Lassen Sie sich von den Anbietern die mögliche Vorgehensweise, ihre Erfahrungen sowie die zugrundeliegenden Modelle und Einflussfaktoren erläutern.
  • Klären Sie, welche Simulationen durchgeführt werden.

In den folgenden Abschnitten dieses Handbuch-Kapitels werden die acht Stufen oder Phasen der Szenario-Technik vorgestellt und die Vorgehensweise erläutert.