RedeeinstiegDer erste Satz muss begeistern

Der erste Satz in einer Rede entscheidet darüber, ob der Redner das Publikum für sich einnimmt oder nicht. Lange Wörter, viele Adjektive und Fachchinesich sind deshalb tabu.

„Ich habe die Zukunft gesehen, und sie wird nicht funktionieren.“ Wenn dieser erste Satz neugierig macht, dann hat er seinen Zweck erfüllt. Formuliert wurde er als Einstieg in das Resümee einer Chinareise vom New-York-Times-Kolumnist Paul Krugman. Doch dieser Satz ist viel mehr als das – er ist das Zugpferd des gesamten Beitrags. Er motiviert den Leser, dabei zu bleiben, nicht weiterzublättern. Der erste Satz provoziert Neugier, den Klebstoff zwischen dem Schreibenden und seinen Lesern. Die Neugier ist auch der Klebstoff zwischen einem Redner und seinen Zuhörern. Die Neugier sorgt für Aufmerksamkeit.

Ganz gleich, ob in einem Zeitungsartikel, einem Buch oder einer E-Mail, im Vortrag, in der Festrede oder in der Präsentation der Quartalszahlen: Nur ein neugieriges Publikum ist ein gutes Publikum! Nur, wer mehr hören will, folgt Ihren Worten, Ihren Ideen und Ihren Botschaften.

Der erste Eindruck prägt

Tatsächlich haben wir genau eine Chance, den ersten Eindruck zu erzeugen. Für den Redner ist das der erste gesprochene Satz einer Rede. Der erste Satz entscheidet darüber, ob Sie Ihr Publikum für sich einnehmen oder nicht. Jeder einzelne Zuhörer fällt in den ersten Sekunden Ihres Auftritts unbewusst ein Urteil über Sie. Beurteilt Sympathie, Vertrauen und Kompetenz. Für den ersten Eindruck sollten Sie bestmöglich vorbereitet sein. Und dazu zählt neben der Körpersprache, der Erscheinung und dem Auftritt eben auch: ein perfekter erster Satz.

„Ich möchte heute über die erweiterte Produktpalette sowie die daraus folgenden Optionen zur innovativen Weiterentwicklung und Marktpositionierung unseres Sortiments sprechen.“

Dies ist ein Beispiel für einen ersten Satz, wie er nicht sein sollte. Er ist lang, anonym, abstrakt und kompliziert. Aber vor allem ist er langweilig. Mit ein wenig Aufwand lässt er sich jedoch spannend formulieren. Gleicher Inhalt, gleiche Aussage:

„Heute erfindet Apple das Telefon neu.“

Mit diesem Satz kündigte Apple-CEO Steve Jobs 2007 das erste iPhone an. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste, was ein iPhone ist, hörte sein Publikum ihm gespannt zu. Der Grund: Jobs hatte seine Worte in diesem Satz mit Sorgfalt und Bedacht gewählt – und so Emotionen geschaffen, noch bevor irgendjemand das neue Handy zu Gesicht bekommen hatte.

Den ersten Satz finden

Wie planen Sie einen solchen Einstieg in eine Rede? Machen Sie mit Ihrem ersten Satz den sogenannten „Elevator Check“! Stellen Sie sich vor, Sie treffen im Fahrstuhl zufällig auf einen wichtigen Kunden oder auf ein Mitglied der Unternehmensführung, dem Sie sonst nicht persönlich begegnen. In dieser Situation haben Sie rund 20 Sekunden Zeit, um dieser Person eine Idee zu präsentieren. Das bedeutet: Jeder Satz, jeder Dreh, jede Pointe und natürlich die Kernaussage müssen mit größtmöglicher Präzision und Klarheit präsentiert werden und beim Gegenüber Neugier provozieren. Gelingt das, bekommen Sie einen Termin, um über die Details zu sprechen. Gelingt es nicht, war es bloßer Smalltalk.

Testen Sie verschiedene Einstiege im Kollegenkreis und mit Menschen, die mit Ihrer Materie keine Erfahrungen haben. Dampfen Sie Ihre Aussagen ein und präsentieren Sie am Tag Ihres Auftritts nur die Essenz Ihrer Vorbereitung als ersten Satz. Stellen Sie sich vor, das Publikum – jeder einzelne Ihrer Zuhörer – sei ein CEO, dessen Neugier sie wecken wollen. Haben Sie das geschafft, dann wird er den Rest des Vortrags mit Spannung erwarten. Dass Sie den Termin mit Ihrem Publikum schon haben, heißt nämlich noch längst nicht, dass es – physisch oder geistig – bis zum Schluss Ihrer Rede bei Ihnen bleibt.

Einfach und verständlich

„Yes, we can!“ Dieser Satz ist ein Musterbeispiel dafür, was die Verständlichkeitsforschung bereits seit Jahrzehnten weiß: Ein kurzer Satz ist verständlicher als ein langer. Obwohl das viele schon oft gehört haben, werden wir in Reden immer wieder von endlosen Sätzen malträtiert. Warum? Weil viele Experten immer noch glauben, ein komplexer und abstrakter Duktus würde Kompetenz vermitteln.

In einer Doktorarbeit, die nur von anderen Experten des gleichen Gebiets gelesen und anhand ihrer Differenziertheit bewertet wird, mag das Sinn machen. In einer Rede jedoch geht die Komplexität zu Lasten des Konkreten, des Anschaulichen, des Simplen. Komplexität geht zu Lasten der Verständlichkeit. Dabei geht es bei der Rede doch genau darum: verstanden zu werden. Für Redner gelten die folgenden zwei Grundregeln:

  • Kurze Wörter sind verständlicher als lange Wörter.
  • Kurze Sätze sind verständlicher als lange Sätze.

Konkret, anschaulich und simpel, so klingt ein guter Redner. Wählen Sie Ihre Vokabeln, Nebensätze und Einschübe daher mit Bedacht und suchen Sie nach kürzeren Alternativen.

Sie sollten nicht von „interpersoneller Kommunikation“ reden, wenn Sie „Gespräche“ meinen. Statt von der „Work-Life-Balance“ sprechen Sie besser vom „Wochenende“. Beobachten Sie einmal, wie viel Redezeit mit Wort-Monstern gefüllt wird. Legen Sie bei der Redeplanung die sprachlichen Schwergewichte auf die Goldwaage. Sie wollen schließlich als Redner in Erinnerung bleiben, nicht als wandelndes Wörterbuch.

Wörter mit sinnlich erfahrbarer Bedeutung verwenden

Bei der Wortwahl kommt es aber nicht nur auf die Verständlichkeit an. Manche Begriffe erzeugen beim Hören ein Bild im inneren Auge, andere nicht. Manche wecken Emotionen, andere schaffen das nicht. Beispiel: das Wort „Gewürz“. Für das Gehirn ist dieses Wort abstrakt. Wenn es jemand ausspricht, wird das Gehirn aktiv und identifiziert die Wort-Bedeutung. Dies geschieht in der linken Hemisphäre. Die rechte ist unbeteiligt, da der Begriff keine konkrete sinnliche Entsprechung hat.

Das Wort „Gewürz“ ist eine abstrakte Kategorie, denn es gibt viele Gewürze. Sagen Sie dagegen „Zimt“, liefert die linke Hemisphäre beim Hören des Wortes die Bedeutung, während in der rechten die gleichen Areale aktiv werden wie beim Geruch von Zimt.

Wörter wirken nicht nur über die Wortbedeutung. Als Redner können Sie mit Wörtern gezielt die Sinneseindrücke Ihres Publikums ansprechen – indem Sie die Begriffe verwenden, die Bilder auslösen.

Adjektive vermeiden

Neben der generellen Feinjustierung der Wortwahl sollten Sie darauf achten, den Einsatz von Adjektiven bewusst zu regulieren. Verwenden Sie nur die nötigsten, denn die meisten weichen Ihre Aussagen auf. Die Aufweichung steht im Widerspruch zur bestmöglichen Reduktion Ihrer Aussage, Pointe oder Ihres Arguments. Ein Beispiel:

„Wir sehen auf die langjährige, erfolgreiche und bewegte Firmengeschichte stolz zurück und erwarten freudig die bevorstehende Zukunft.“

Streichen Sie Adjektive und suchen Sie nach passenden Substantiven (nicht aber Substantivierungen!). Geizen Sie dafür nicht mit Verben, denn die schaffen Dynamik und verwandeln die Inhalte in Aktion. Nach der Adjektiv-Diät klingt dieser Satz so:

„Unsere Firmengeschichte zeigt: Die Zukunft ist uns sicher!“

Kurze Sätze formulieren

Das zweite Gebot, das die Verständlichkeitsforschung hervorgebracht hat: Formulieren Sie kurze Sätze! Die Zuhörer werden Ihnen besser folgen und sich mehr merken können. Neben der gesteigerten Verständlichkeit bietet das Gebot der Kürze ein dramaturgisches Werkzeug, um die Neugier Ihrer Zuhörer zu wecken: Sagen Sie einen Bruchteil dessen, was Sie zu sagen haben – jedoch gerade genug, um Assoziationen zu wecken. So wie es die folgende Überschrift einer Fernsehkritik macht:

„Kaum macht man die Glotze an, wird ein Ei aufgeschlagen.“

Mit der Überschrift bekommt der Leser Informationen über das Thema (Kochsendungen im Fernsehen) und den Ansatz, wie es bearbeitet wird. Zu welchen Schlüssen der Artikel kommt, bleibt jedoch offen. So sieht der Anfang der Neugier aus: Das Interesse ist geweckt und man bleibt dran.

Leere Phrasen vermeiden

Je mehr Reden man hält und hört, desto größer wird der Fundus an Formulierungen, die eine Rede vermeintlich zu einer Rede machen. Sammeln Sie Formulierungen, die jeder nutzt – und vermeiden Sie diese zukünftig. Die meisten sind kontraproduktiv, weil sie die Rede verlängern und unkonkret sind. Beispiele:

  • „Ich würde sagen.“: Warum tun Sie es dann nicht?
  • „Ich meine damit Folgendes:“: Sie müssen das zuvor Gesagte also erklären?
  • „An dieser Stelle...“: An welcher sonst?
  • „In diesem Zusammenhang...“: überflüssige Füllelemente ohne Aussage
  • „Im Klartext:“: Haben Sie zuvor nur drum herum geredet?
  • „Schlicht und einfach...“: War zuvor alles kompliziert und schwierig?

Achten Sie auf Ihren rhetorischen Autopiloten oder den anderer Redner und erweitern Sie den Katalog stetig weiter, um überflüssige Formulierungen künftig zu vermeiden. Denn überflüssige Formulierungen haben einen fatalen Effekt für alles, was Sie danach sagen: Sie schwächen auch die guten Sätze in ihrer Wirkung ab.

Überraschung, Witz und Ironie

Ein guter Satz kann auch ein Satz mit einer unerwarteten Wendung sein. Stellen Sie Fragen, die andere zum Nachdenken auffordern, die zwingen, um die Ecke zu denken oder die bildhafte Assoziationen hervorrufen. Klopfen Sie Ihr Vorhaben auf mögliche Pointen ab. Pointen unterhalten und schaffen Neugier.

Lässt der Zweck Ihres Vortrags oder Ihrer Rede auch Raum für Ironie, Wortwitz oder höfliche Bosheit? Dann nutzen Sie diese Möglichkeit. Durch Komik wird einer Aussage eine neue Ebene verliehen, die Neugier schafft und Aufmerksamkeit weckt. Beispiel:

„Planung bedeutet, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen.“

Fazit

Entwickeln Sie die Bereitschaft, länger an einem Satz zu feilen – besonders dann, wenn es Ihr erster ist. Machen Sie nicht den Fehler und bereiten Sie Ihre Rede komplett schriftlich vor, schließlich soll es eine Rede sein und keine Schreibe. Legen Sie bei der Vorbereitung dafür den Fokus auf die Schlüsselsequenzen: Einstieg, Argumente, Kernaussage beziehungsweise Handlungsaufforderung, Ende. Planen Sie schließlich genau, was Sie wie sagen.

Checkliste: So sorgen Sie für maximale Verständlichkeit

  • Anschaulich (bildhaft), greifbar (konkret), simpel (so kurz wie möglich, so lang wie nötig) sprechen
  • Sich kurz fassen: kurze Wörter, kurze Sätze, kurze Rede
  • Konkrete Begriffe verwenden (Begriffe, für die es eine sinnliche Entsprechung gibt) und die kleinste Einheit dessen, was Sie sagen wollen; Beispiel: „Regen“, nicht „Wetter“ oder „Klimawandel“
  • Anzahl der Adjektive minimieren und wo immer möglich Verben nutzen
  • Abgegriffene Formulierungen vermeiden
  • Binsenweisheiten vermeiden; Beispiel: „Wir sind heute hier, um einen Vortag zu hören.“

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