ResilienzWer mit der Alleinarbeit im Homeoffice besser zurechtkommt

Welche Faktoren sind wichtig und geeignet, um mit besonderen Belastungen und tiefgreifenden Veränderungen besser umzugehen? Diese Faktoren können auch bei der dauerhaften Alleinarbeit im Homeoffice helfen.

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wünschen sich, dass sie mehr im Homeoffice arbeiten können. Wenn die Alleinarbeit zu Hause aber zum Dauerzustand oder durch äußere Einflüsse wie die Corona-Pandemie erzwungen wird, dann kann das die Betroffenen persönlich auch stark belasten. Welche Persönlichkeitstypen kommen mit dem Arbeiten alleine zu Hause besser zurecht – und wie schaffen sie das?

Extrovertierte und introvertierte Menschen im Lockdown

Manche vermuten, dass extrovertierte Menschen, die gerne in Gesellschaft sind und die viel direkten Kontakt mit anderen Menschen brauchen, es besonders schwer haben, allein zu arbeiten. Introvertierte Personen hingegen, die vielleicht ohnehin gerne für sich und zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung sind, sind weniger stark eingeschränkt. Sie, so die Vermutung, werden sich weniger stark umstellen müssen und können sich leichter an ein Leben im Lockdown anpassen.

Klingt erst mal logisch, entspricht aber wohl eher nicht ganz der Realität. Zumindest fand die Psychologin Maryann Wei von der Universität in Wollongong (Australien) Hinweise, die genau in die entgegengesetzte Richtung deuten. Denn introvertierte Menschen können in aller Regel schlechter mit dem Verlust von Strukturen umgehen. Sie neigen ohnehin mehr zum Grübeln, machen Probleme mit sich selbst aus und ziehen sich bei Schwierigkeiten zurück. Extrovertierte sind demgegenüber optimistischer – auch wenn die Situation dem gerade nicht entspricht.

Es ist also nicht so einfach zu sagen, „die Extrovertierten“ oder „die Introvertierten“ seien für die Alleinarbeit zu Hause besser gewappnet. Diese einfache Einteilung von Menschen passt auch nicht zum Problem. Stresssituationen, Belastungen, Einstellen auf tiefgreifende Veränderungen – das alles sind Themen, die vielen Menschen im beruflichen Bereich schon begegnet sind. Deshalb lohnt es sich, genauer auf die Faktoren zu schauen, die im beruflichen Bereich nachweislich wichtig und geeignet sind, erfolgreich mit besonderen Herausforderungen umzugehen.

Emotionale Grundhaltung

Die emotionale Grundhaltung beschreibt, wie man an eine Sache herangeht: Sieht man eher die Risiken und die Schwierigkeiten? Beschäftigt man sich viel mit Worst-Case-Szenarien? Oder hat man auch den Blick für Möglichkeiten, für Chancen? Anders gesagt: Ist das Glas halb voll – oder halb leer?

So kann sich dieser Faktor im Homeoffice günstig auswirken: Menschen mit einer guten, positiven emotionalen Grundhaltung sind in der Lage, auch in schwierigen Situationen den Blick für gute Aspekte zu haben. Sie fragen nicht: „Oje, was mache ich jetzt, wenn alles noch schlimmer wird?“ Sie fragen: „Was habe ich denn jetzt für Möglichkeiten? Wie kann es jetzt am besten weitergehen?“ Zudem können sie andere Menschen in ihrer Umgebung positiv beeinflussen, aufmuntern und beflügeln.

Beispiel: Jemand mit einer positiven emotionalen Grundhaltung würde nicht den Kopf hängen lassen, weil der Lieblingsitaliener geschlossen hat, sondern zu sich sagen: „Ich wollte schon lange mal besser kochen lernen und neue Rezepte ausprobieren.“

Flexibilität

Flexibilität meint Umgang mit Veränderungen. Menschen mit einem hohen Maß an Flexibilität können sich leichter und schneller an veränderte Situationen anpassen als Menschen mit geringerer Flexibilität. Diese versuchen eher, am Bekannten festzuhalten und sich gegen Veränderungen zu sträuben.

So kann sich der Faktor im Homeoffice günstig auswirken: Menschen, die sehr flexibel sind, sind schneller bereit, die gegebenen Umstände zu akzeptieren. Das bedeutet nicht, dass man alles klaglos hinnimmt oder gutfindet. Aber es bedeutet, dass man versucht, aus der gegebenen Situation, das Beste zu machen – und das zum Positiven zu verändern, was man verändern kann. Mit Dingen, die man momentan nicht verändern kann, arrangieren sich flexible Menschen so gut es geht.

Beispiel: Jemand mit einem hohen Maß an Flexibilität wird immer wieder Wege suchen und finden, wie er gut und produktiv zu Hause arbeiten kann.

Systematik

Mit Systematik ist alles gemeint, was mit einer geplanten, strukturierten Vorgehensweise zu tun hat. Sie steht nicht im Widerspruch zur Flexibilität, sondern ergänzt diese.

So kann sich der Faktor im Homeoffice günstig auswirken: Wer im Lockdown morgens aufsteht und noch nicht weiß, wie er den Tag am besten sinnvoll gestalten soll, der wird es schwer haben. Strukturen, Routinen und (neue) klare Abläufe helfen, Arbeit, Familie und die eigenen Bedürfnisse auch unter schwierigen Bedingungen zu Hause unter einen Hut zu bekommen und allen Bereichen gerecht zu werden.

Beispiel: Wer zu festen Zeiten 15 Minuten Gymnastik oder eine bewusst zelebrierte Pause mit einer schönen Tasse Tee oder Kaffee oder einen Spaziergang mit dem Partner oder mit der Partnerin einplant, der wird sich wohler fühlen und den Rest des Tages leistungsfähiger sein als andere.

Initiative

Menschen mit einem hohen Maß an Initiative sind gut darin, neue Ideen und Lösungen zu entwickeln und Neues auszuprobieren. Sie nehmen Dinge aktiv selbst in die Hand und warten nicht darauf, dass jemand sagt, was sie zu tun haben.

So kann sich der Faktor im Homeoffice günstig auswirken: Wer Dinge selbst in die Hand nimmt und wer auch bereit ist, kreativ zu werden und neue Wege zu gehen, der wird leichter Lösungen und einen „Plan B“ finden, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern oder wenn plötzlich alles anders ist.

Beispiel: Man kann Termine nicht wie geplant wahrnehmen? Nicht gut, aber vielleicht gibt es stattdessen ja trotzdem einen Weg, um sich mit Geschäftspartnern auszutauschen. Man kann sich mit einem Online-Konferenz-System vertraut machen und neue Formen der Kommunikation ausprobieren.

Motivation

Dieser Faktor beschreibt, wie sehr sich jemand mit dem, was er tut, identifiziert. Wenn jemand einen Sinn sieht in dem, was er tut, wenn jemand dafür Wertschätzung und Anerkennung bekommt, dann beflügelt das und setzt neue Energien frei.

So kann sich der Faktor im Homeoffice günstig auswirken: Eine erfüllende, motivierende, sinnvolle Aufgabe hilft Menschen dabei, sich gut zu fühlen, zufrieden zu sein und auch unter schwierigen Bedingungen weiterzumachen. Für eine Arbeit, die sie motiviert und die sie mit Sinn erfüllt, kann den Menschen begeistern – egal, ob er diese Arbeit im Betrieb gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen verrichtet oder von zu Hause aus. Wer hingegen eh schon unzufrieden mit der eigenen Arbeit war und wem Motivation, Sinn und Anerkennung im Arbeitsalltag ohnehin fehlten – der wird es nun, beim Arbeiten allein zu Hause doppelt schwer haben.

Beispiel: Wem die Arbeit, für die man sich begeistert, im Moment verwehrt ist, der braucht unbedingt – und zwar unabhängig vom ökonomischen Aspekt – eine andere, sinnvolle Beschäftigung. Ein Kellner in einem Restaurant, der es liebt, mit den Gästen zu plaudern und ihnen den Restaurantbesuch angenehm zu machen, wird frustriert sein, wenn ihm diese Möglichkeit erst einmal verwehrt ist. Die Motivation kann sich jedoch auf andere Weise wieder einstellen, wenn das Restaurant stattdessen einen Bestell- und Lieferservice einrichtet. Und vielleicht lässt sich die unfreiwillig gewonnene Zeit nutzen, um für Menschen aus Risikogruppen oder für Personen, die zu Hause bleiben müssen, Einkäufe zu erledigen und sie in ihrem Alltag zu unterstützen. So wird eine erst einmal unbestritten negative Situation doch noch mit Sinn erfüllt.

Fazit

Diese Beispiele zeigen, wie verschiedene grundlegende Sozialkompetenzen Menschen nicht nur im Beruf und bei der Arbeit, sondern insgesamt helfen können, mit Herausforderungen und Krisen, wie der Aleinarbeit zu Hause, einem Lockdown und Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie, besser zurechtzukommen. Menschen wachsen durch neue Aufgaben und Herausforderungen. Das dazu nötige Potenzial steckt in den meisten Menschen. Man muss es manchmal nur (wieder) entdecken und entwickeln.

Hinweis: Studie zu den Wirkungen des Lockdowns

Maryann Wei: Social Distancing and Lockdown – An Introvert’s Paradise? An Empirical Investigation on the Association Between Introversion and the Psychological Impact of COVID19-Related Circumstantial Changes; Front. Psychol., 17 September 2020

Dazu im Management-Handbuch

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