VergütungTarifvertrag oder eigenes Vergütungssystem – Vor- und Nachteile

Sollten Sie Ihr Vergütungssystem an Tarifverträge anlehnen? Ist die Tarifbindung überhaupt zukunftsträchtig? Oder sollten Sie lieber ein eigenes Grundvergütungssystem entwickeln? Der Autor erläutert, warum sich die Mühe lohnen kann, wenn Unternehmen dieses Vorhaben richtig angehen.

Welche Vorteile haben Tarifverträge?

Tarifverträge sind ein wichtiges Gut in einer sozialen Marktwirtschaft. Gleiches gilt für die gesetzlich gesicherte Mitbestimmung. All dies gewährleistet in den Unternehmen einen Betriebsfrieden als unverzichtbare Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Ferner sichern Tarifverträge eine Chancengleichheit der Betriebe, wenn auf Lohnebene annähernd gleiche Verhältnisse innerhalb einer Branche herrschen. Sie regeln komplexe Verhältnisse, deren Steuerung für das einzelne Unternehmen mit einem hohen Aufwand verbunden wäre.

Welche Nachteile haben Tarifverträge?

Tarifverträge gelten einheitlich für eine Region und machen hier keinen Unterschied, ob zum Beispiel ein Unternehmen in einer wirtschaftlich starken oder schwachen Region ansässig ist. Gleichzeitig können sie auch keine Unterschiede durch unterschiedliche Kostenbelastungen der Beschäftigten in den Regionen (Miete in der Großstadt versus ländliche Region) berücksichtigen.

Zum Dritten gelten Tarifverträge für alle Firmen, unabhängig von der Wirtschaftsstärke der Firma: Not leidende Unternehmen müssen ihnen genauso folgen wie florierende Firmen.

Diese Faktoren führen dazu, dass sich viele Unternehmen mit ihrem Tarifvertrag nicht identifizieren. Aber der Schritt zum Tarifaustritt ist mit einer hohen Hürde verbunden. Wer den Weg aus dem Tarif sucht, muss wissen, wie er danach die Vergütung der Beschäftigten gestaltet. Daher wird dieser Weg selten eingeschlagen.

Wie wichtig ist die Tarifbindung in Zukunft?

Langfristig nimmt die Zahl der Unternehmen und der von ihnen beschäftigten Mitarbeitenden ab, die auf Grundlage von Tarifverträgen vergüten oder vergütet werden. Das IAB-Betriebspanel 2021 zeigt aktuell, dass dreiviertel der Betriebe mit insgesamt knapp 50 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland nicht der Tarifbindung unterliegen.

Anlehnung an einen Tarifvertrag als Zwischenlösung

Die Anlehnung an Tarifverträge kann als gute Zwischenlösung für ein firmenspezifisches Vergütungssystem gesehen werden. Sie verleiht Freiheitsgrade, in dem ein Betrieb sich die Rosinen aus dem Tarif herauspickt, weitere Faktoren aber in Eigenregie definiert.

Beachten Sie: Die Mitarbeitenden beobachten die Entwicklung sehr genau. Hieraus entsteht eine Erwartung der Beschäftigten, die Sie nicht enttäuschen sollten. Ferner können die Beschäftigten einen Rechtsanspruch aus der Anlehnung haben, wenn diese im Arbeitsvertrag verankert ist. Schnell hat sich daher die gedachte Freiheit in Luft aufgelöst.

Warum Sie ein eigenes Vergütungssystem etablieren sollten

Betriebe, die wirklich frei sein wollen in der Gestaltung, sollten ihr Vergütungssystem autonom und individuell selbst entwickeln und definieren. Dies scheint schwierig, ist aber deutlich leichter, als es allgemein vermutet wird.

Wichtig ist, dass Sie die Grundsätze kennen und diese stringent verfolgen. Nur so können Sie eine individuelle Entgeltgestaltung verfolgen, die

  • den betrieblichen Interessen gerecht wird,
  • Ihre Erfordernisse abbildet,
  • den Beschäftigten gerecht wird und
  • sie sogar noch motiviert.

Kriterien für ein eigenes Grundvergütungssystem

Unternehmen, die ein eigenes Vergütungssystem – als Alternative zu einem Tarifvertrag – gestalten, sollten die folgenden Grundsätze beachten:

  • Ein Grundvergütungssystem ist ein in sich geschlossenes Gebilde. Es sollte klar abgegrenzt sein von anderen Vergütungstools, wie der leistungsorientierten oder der erfolgsbasierten Entlohnung.
  • Die Höhe der Grundvergütung muss aus den Anforderungen abgeleitet werden, die das Unternehmen stellt. In diesem Rahmen ist es wichtig, einen durchgehenden Katalog von Anforderungen zu erstellen, der für die Gesamtbelegschaft maßgeblich ist und auf dessen Grundlage die Beschäftigten bewertet werden.
  • Aus dieser Anforderungsstruktur lassen sich in einem nächsten Schritt die Vergütungen ableiten.
  • Diese Arbeiten können letztlich nur EDV-basiert durchgeführt werden. Hierzu gibt es spezielle Tools, wie das Entgelt-Analyse- und Simulations-Tool (EAST).

Vorteile eines eigenen Vergütungssystems

Firmen mit eigenem Vergütungssystem werden für ihre Mühen umfangreich belohnt. Sie ernten nicht nur ein betriebswirtschaftlich zu den Anforderungen der Firma genau passendes Ergebnis, sondern binden ihre Beschäftigten stärker an sich als andere Unternehmen.

Hauseigene Grundvergütungssysteme verkörpern ein hohes Maß an Entgeltgerechtigkeit, die den Beschäftigten ausgesprochen wichtig ist und immer wichtiger wird.

Hinweis

Mehr zum Thema Mitarbeitervergütung

Dieser Beitrag gehört zu einer Serie zum Thema Vergütung. Wir leiten Sie Schritt für Schritt durch die Welt der Entgeltgestaltung und zeigen Ihnen, was Sie in diesem Rahmen beachten müssen.

Weitere Beiträge aus dieser Serie:

Teil 1: Wie Sie Lohn- und Gehaltssysteme aufbauen und gestalten

Teil 3: Wie Sie Vergütungsgerechtigkeit sicherstellen

Teil 4: Leistungslohn – Arbeitsleistung bewerten und fair entlohnen

Teil 5: Erfolgsbeteiligung von Teams – das sollten Sie bedenken

Teil 6: Empfehlungen und Ansatzpunkte für die Vergütung im Vertrieb

Teil 7: Vergütung von Führungskräften angemessen gestalten

Dazu im Management-Handbuch

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