Führung mit StilDer Dresscode der Unternehmensleitung
Viele Führungskräfte stellen sich diese Fragen nicht aus Eitelkeit, sondern aus strategischem Kalkül:
- Wie wirkt ein CEO im hybriden Meeting?
- Welche Kleidung transportiert Entscheidungsstärke, ohne Distanz zu erzeugen?
- Wann ist der Anzug noch sinnvoll – und wann wirkt er wie ein Relikt?
Die Unsicherheit ist nachvollziehbar, denn die Erwartungshaltung an Führung hat sich grundlegend verändert. Führung ist heutzutage sichtbarer, digitaler und zugleich persönlicher geworden.
Kleidung ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern ein Führungsinstrument.
Warum sich das Erscheinungsbild der Führung verändert hat
Führung findet heute auf mehreren Bühnen statt:
- im Vorstandsbüro,
- beim Townhall-Meeting,
- während eines Recruiting-Videos,
- auf LinkedIn,
- im Podcast und
- bei Gesprächen mit Investoren.
Studien zur nonverbalen Kommunikation zeigen, dass visuelle Eindrücke innerhalb von Sekundenbruchteilen Bewertungen zu Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit auslösen.
Kleidung ist dabei einer der stärksten Faktoren, wenn es um die persönliche Wirkung geht.
Gleichzeitig haben sich Organisationskulturen verändert:
- Hierarchien sind flacher.
- Teams arbeiten interdisziplinärer.
- Remote-Arbeit ist Normalität.
Klassische Machtinszenierungen verlieren an Akzeptanz. Eine Unternehmensführung, die optisch Distanz erzeugt, läuft Gefahr, als unnahbar wahrgenommen zu werden. Umgekehrt darf Professionalität nicht verwässert werden.
Die zentrale Herausforderung lautet daher: Wie verbindet man Autorität mit Zugänglichkeit?
Der Anzug ist nicht tot – aber anders
Der klassische, dunkle Businessanzug bleibt ein starkes Symbol. Er steht weiterhin für Entscheidungsfähigkeit und Verlässlichkeit. Entscheidend ist jedoch die Ausführung.
Die Passform ist kein Detail, sondern Wirkungsträger:
- Ein moderner Anzug sitzt körpernah, ohne einzuengen.
- Zu weite Schnitte wirken unsicher oder altmodisch.
- Zu enge Schnitte hingegen vermitteln Eitelkeit oder Unruhe.
Maßkonfektion oder präzise Anpassung durch einen Schneider sind für Führungskräfte keine Luxusfrage, sondern ein strategisches Investment.
Farblich dominieren weiterhin Marine, Dunkelgrau und gedeckte Blautöne:
- Schwarz verliert im Tagesgeschäft an Bedeutung, da es häufig zu hart wirkt.
- Marine signalisiert Stabilität und Kompetenz, ohne Strenge.
- Dunkelgrau wirkt rational und sachlich.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ein Vorstand in einem Technologieunternehmen ersetzt den klassischen schwarzen Anzug durch einen dunkelblauen Anzug mit leicht strukturierter Oberfläche. Kombiniert mit einem weißen oder hellblauen Hemd entsteht ein seriöser, aber weniger formeller Eindruck. Die Wirkung im Videoformat ist weicher und zugänglicher.
Krawatte oder nicht – Kontext entscheidet
Die Krawatte ist kein Muss mehr, sondern ein bewusst eingesetztes Signal:
- In stark regulierten Branchen wie Banken oder Rechtsberatung bleibt sie in formellen Settings relevant.
- In innovativen Branchen oder bei internen Formaten kann sie entfallen.
Ohne Krawatte sollte jedoch auf Struktur geachtet werden. Ein offenes Hemd benötigt eine klare Kragenform. Ein hochwertiges Sakko mit sauberer Schulterlinie sorgt weiterhin für Rahmen.
Der Unterschied zwischen professioneller Lockerheit und Nachlässigkeit liegt im Detail.
Farben als strategisches Instrument
Farben beeinflussen die Wahrnehmung stärker, als viele Führungskräfte annehmen. Untersuchungen zur Farbpsychologie zeigen:
- Blau wird mit Kompetenz und Vertrauen assoziiert.
- Grau steht für Sachlichkeit.
- Dunkelgrün kann Nachhaltigkeit und Stabilität symbolisieren.
- Burgunder oder gedecktes Rot vermitteln Durchsetzungsfähigkeit.
Vermeiden sollte man stark kontrastierende oder schrille Farbkombinationen. Führung verlangt visuelle Ruhe. Wer durch Farbe dominiert, verliert schnell inhaltliche Autorität.
Ein Beispiel
Eine Geschäftsführerin eines mittelständischen Industrieunternehmens setzt bei Präsentationen mit Investoren auf ein dunkles Blau oder Anthrazit, kombiniert mit einem dezenten Akzent in Bordeaux. Die Wirkung ist klar und selbstbewusst.
Bei internen Innovationsworkshops greift sie hingegen zu einem weicheren Blauton oder Petrol, um Offenheit zu signalisieren.
Material und Qualität als unterschätzte Botschaft
Nachhaltigkeit ist auch im Erscheinungsbild sichtbar:
- Hochwertige Naturmaterialien wie Wolle, Baumwolle, Leinen oder Mischgewebe mit nachhaltigem Anspruch gewinnen an Bedeutung.
- Billige, glänzende Stoffe oder synthetisch wirkende Materialien untergraben Glaubwürdigkeit.
Ein strukturierter Wollanzug vermittelt Substanz. Ein hochwertiger Strickblazer signalisiert Modernität. Ein sauber gebügeltes Hemd ohne Knitter ist kein Nebenaspekt, sondern Teil der Führungswirkung.
Frauen in der Unternehmensführung – klare Linien statt Modetrend
Für weibliche Führungskräfte hat sich das Spektrum erweitert, aber auch professionalisiert. Es dominieren
- klare Schnitte,
- strukturierte Blazer,
- hochwertige Stoffe und
- monochrome Looks.
Monochrom bedeutet, dass ein Outfit in einer Farbfamilie gehalten wird, etwa Dunkelblau in verschiedenen Abstufungen. Das wirkt ruhig, souverän und modern. Zu verspielte Muster oder auffällige Accessoires lenken vom Inhalt ab.
Ein Beispiel
Eine Vorstandsvorsitzende kombiniert einen dunkelblauen Hosenanzug mit einer seidenmatten Bluse im gleichen Farbspektrum. Die Linie ist klar, die Silhouette aufrecht. Das Erscheinungsbild transportiert Führung, nicht Modebewusstsein.
Hybrid-Meetings und Kamera-Wirkung
Ein entscheidender Faktor ist für viele Führungskräfte inzwischen die Kamera. Kleidung wirkt im digitalen Raum anders als im Konferenzraum:
- Feine Muster können flimmern.
- Zu dunkle Farben verschlucken Konturen.
- Sehr helle Töne überstrahlen.
Für virtuelle Formate empfehlen sich mittlere Farbtöne wie Marine, Stahlblau oder gedecktes Grün. Der Kontrast zwischen Oberteil und Hintergrund sollte bewusst gewählt werden. Ein strukturierter Stoff erzeugt visuelle Tiefe.
Führungskräfte sollten Testaufnahmen machen und die Wirkung prüfen. Was im Spiegel stimmig wirkt, kann auf dem Bildschirm blass erscheinen.
Casual Leadership – wo liegt die Grenze
In vielen Unternehmen ist der Dresscode informeller geworden. Doch „Casual“ bedeutet nicht beliebig. Ein hochwertiges Poloshirt unter einem gut geschnittenen Sakko kann angemessen sein. Ein Hoodie mit Firmenlogo wirkt nur in sehr spezifischen Startup-Umfeldern authentisch.
Die entscheidende Frage lautet: Unterstützt das Outfit die Führungsrolle oder relativiert es sie?
Je größer die Verantwortung und je höher die öffentliche Sichtbarkeit, desto klarer sollte die Linie bleiben.
Typische Fehler vermeiden
Die Klassiker der unpassenden Kleidung im Business-Umfeld sind leicht zu erkennen:
- Zu große Sakkos erzeugen Unsicherheit.
- Zu kurze Hosen wirken unprofessionell.
- Sichtbare Abnutzung an Schuhen signalisiert Nachlässigkeit.
- Billige Gürtel oder Accessoires unterbrechen das Gesamtbild.
Auch Überkorrektheit kann problematisch sein. Wer im kreativen Umfeld permanent overdressed erscheint, wirkt distanziert.
Fazit
Wie kleidet sich heutzutage eine Unternehmensführung? Die Antwort lautet: bewusst.
Kleidung ist strategische Kommunikation. Sie verbindet Autorität mit Nahbarkeit, Stabilität mit Modernität und Präsenz mit digitaler Sichtbarkeit.
Passform, Farbe, Material und Kontext entscheiden über die Wirkung.
Führungskräfte, die ihr Erscheinungsbild reflektiert gestalten, stärken nicht nur ihre persönliche Marke, sondern auch die Wahrnehmung ihres Unternehmens.


