Zielkostenrechnung – Target CostingZielkosten auf Produktkomponenten aufspalten – mit Beispiel

Die Zielkostenrechnung soll vorgeben, was eine einzelne Komponente Ihres Produkts kosten darf. Dazu verteilen Sie die Zielkosten, Target Costs, auf die Komponenten – je nachdem, was diese dem Kunden wert sind. Wie das Schritt für Schritt funktioniert, lesen Sie hier am Beispiel des Fahrrads.

Produktmerkmale und Produktfunktionen aus Sicht des Kunden betrachten

Im Prozess zur Zielkostenrechnung werden in der zweiten Phase die Zielkosten auf die einzelnen Produktbauteile und Produktkomponenten verteilt. Dazu müssen zunächst die (geplanten) Produktmerkmale und Produktfunktionen aus Sicht des Kunden betrachtet werden. Diese werden in einer Liste dargestellt und erläutert. Wichtig ist: Die Wahrnehmung und Meinungen des Kunden sind entscheidend für diese Analyse!

Dann wird ermittelt, welche Bedeutung diese Produktmerkmale und Produktfunktionen jeweils für den (durchschnittlichen) Kunden haben. Der Kunde schreibt einem Merkmal oder einer Funktion einen Nutzwert zu. Dieser Nutzwert wird als Anteil an einem (fiktiven) Gesamtnutzen ermittelt. Schließlich entspricht der vom Kunden und Käufer den einzelnen Funktionen beigemessenen Nutzenanteil dem Anteil der entsprechenden Funktion an den Zielkosten.

Vorgehensweise zur Aufspaltung der Zielkosten oder Target Costs am Beispiel Fahrrad

Die Zielkostenspaltung wird in folgenden Schritten vorgenommen; zur Veranschaulichung sind die Schritte am Beispiel eines Fahrrads erläutert:

1. Produktmerkmale und Produktfunktionen identifizieren und beschreiben

Alle wichtigen Produktmerkmale und Produktfunktionen sowie Eigenschaften des Produktes werden aus Sicht der Kunden identifiziert, festgehalten und beschrieben. Dafür können Kunden befragt, Laborexperimente mit Kunden durchgeführt oder Marktstudien ausgewertet werden.

Am Beispiel eines Fahrrads könnten das sein: Pannenschutz, geringes Gewicht, modernes Design, Einstellbarkeit, Sicherheit, Langlebigkeit etc.

2. Produktmerkmale und Produktfunktionen gewichten

Die Bedeutung und damit die Gewichte der einzelnen Produktmerkmale und Produktfunktionen für den Kunden können mithilfe der Conjoint-Analyse bestimmt oder vom Marketing- oder Vertriebsteam abgeschätzt werden. Dazu wird bestimmt, welchen Nutzen ein einzelnes Merkmal oder eine Funktion für den Kunden darstellt. Dabei genügt es, wenn der entsprechende Teilnutzen als Anteil an einem fiktiven Gesamtnutzen (zum Beispiel 100 Prozent) ermittelt wird.

Am Beispiel eines Fahrrads könnte herauskommen: Pannenschutz und geringes Gewicht haben für den Kunden doppelt so hohe Bedeutung wie modernes Design, Einstellbarkeit, Sicherheit oder Langlebigkeit.

3. Produktkomponenten und ihr Nutzenbeitrag ermitteln

Die Produktkomponenten, die zur Erfüllung der geforderten Funktionen und Produktmerkmale beitragen, werden identifiziert und zusammengestellt. Dabei kann eine Komponente mehreren Funktionen oder Merkmalen dienen.

Für das Beispiel Fahrrad sind die wichtigen Produktkomponenten: Rahmen, Lackierung, Bremssystem, Schaltung, Reifenmantel, Schlauch, Sattel, Lenkung, Gabel, gegebenenfalls Elektroantrieb und Steuerung etc.

4. Standardkosten ermitteln für Produktkomponenten (Drifting Costs auf Komponentenebene)

Für jede Produktkomponente wird eine Schätzung der Selbstkosten vorgenommen. Maßgeblich dafür sind die bisher üblichen Abläufe für Entwicklung, Herstellung und Verkauf des Produkts sowie die vorhandenen Technologie- und Verfahrensstandards. Diese Selbstkosten können auf der Basis der Ist-Kosten für vergleichbare Produkte und Produktkomponenten ermittelt werden (bestehende Kostenträgerstückrechnung). Oder es wird aufgrund des Produktkonzepts eine grobe Produktstückliste erstellt und den einzelnen Materialen und Bauteilen werden Kosten zugerechnet.

Aus dieser Zusammenstellung, Berechnung oder Abschätzung der Kosten ergibt sich der Anteil einer Produktkomponente an den Drifting Costs; auch relativer Standardkostenanteil genannt.

5. Beitrag der Produktkomponenten zu Produkteigenschaften ermitteln

Dann ist zu klären, mit welchem prozentualen Anteil die einzelnen Produktkomponenten zur Erfüllung der Produktfunktionen beitragen. Dazu werden die Funktion und Eigenschaften einerseits und die Komponenten andererseits in einer Matrix gegenübergestellt. Zur Berechnung des Anteils kann eine Berechnung erfolgen, wie sie auch bei der Methode Quality Function Deployment (QFD) üblich ist.

Für ein Fahrrad kann sich beispielsweise zeigen: für den Pannenschutz sind vor allem Reifenmantel und Schlauch entscheidend; für das geringe Radgewicht sind das Rahmengewicht sowie Ausstattungskomponenten maßgeblich.

6.  Wichtigkeit der Produktkomponenten berechnen

Die Teilgewichte der Produktkomponenten werden nun mit den Teilgewichten der Produktfunktionen und Merkmale verrechnet. Das Ergebnis ist ein Wert, der besagt: Wie wichtig ist diese Produktkomponente, um die für den Kunden wichtigen Produktfunktionen und Merkmale anbieten zu können. Jede Produktkomponente bekommt also zunächst einen Teilnutzenwert:

Teilnutzenwert = Bedeutung der Produktfunktion für den Kunden X Beitrag der Produktkomponenten zur Produktfunktion

Die Angaben erfolgen jeweils in Prozent. Bildet man anschließend die Summe aller Teilnutzenwerte für die Produktkomponente, so ergibt sich der Gesamtnutzenwert und die Wichtigkeit dieser Produktkomponente.

7. Target Costs für die Produktkomponenten berechnen

Die Targest Costs des Gesamtprodukts sind in Schritt 7 die Grundlage für die zulässigen Kosten der einzelnen Produktkomponenten. Im vorigen Abschnitt dieses Handbuch-Kapitels ist erläutert, wie die gesamten Zielkosten (Gesamt Target Costs) bestimmt werden. Nun werden die Target Costs für die Produktkomponente berechnet. Diese ergeben sich aus:

Target Costs der Produktkomponente = Target Costs des Gesamtprodukts X Gesamtnutzenwert (in Prozent) der Produktkomponente

8. Zielkostenindex berechnen

Der Zielkostenindex soll zeigen, welche Produktkomponenten zu teuer sind und wo Kosteneinsparungen ansetzen sollten, um die Zielkosten zu erreichen. Maßgeblich dafür sind der Gesamtnutzenwert der Produktkomponente sowie die Target Costs des Gesamtprodukts (siehe Schritt 7). Der Zielkostenindex wird dann berechnet in der Form:

Zielkostenindex =
Zielkosten (Target Costs) der Produktkomponente / Standardkosten (Drifting Costs) der Produktkomponente

Wenn die Zielkosten und damit der Gesamtnutzen der Produktkomponente genau ihren bisherigen Kosten entsprechen, dann wäre diese Komponente ideal; der Zielkostenindex beträgt in diesem Fall 1. Das ist in der Praxis aber selten der Fall.

Beispiel: In Schritt 4 wurden Gesamtkosten des Fahrrads in Höhe von 1.000 Euro ermittelt und der bisherige Kostenanteil für die Schaltung des Fahrrads beträgt 25 Prozent. Der Anteil der Schaltung am Gesamtnutzen für das Fahrrad beträgt aufgrund von Kundenanalysen 15 Prozent. Die Target Costs für das Gesamtprodukt dürfen maximal 800 Euro betragen. Demnach beträgt der Zielkostenindex für die Schaltung: (15 Prozent von 800 Euro) / (25 Prozent von 1.000 Euro) = 0,48.

Ist der Zielkostenindex kleiner als 1, dann ist die Komponente zu teuer. Hier sollten die Maßnahmen zur Kostenreduzierung vor allem ansetzen, um die Target Costs zu erzielen.

Wäre der Nutzenanteil der Schaltung des Fahrrads 40 Prozent, dann hätte der Zielkostenindex den Wert 1,28. Sie wäre damit im Vergleich zu anderen Komponenten günstig. Kosteneinsparungen müssen also nicht bei Komponenten mit einem Zielkostenindex größer 1 ansetzen.

9. Value Control Chart erstellen

Schließlich erstellen Sie das Value Control Chart (Zielkostenkontroll-Diagramm). Damit wird dargestellt und besser sichtbar, welche Produktkomponenten nach den Ergebnissen der Zielkostenrechnung in Bezug auf ihre Kosten verändert werden sollten. Für jede Komponente einen Zielkostenindex von 1 (Idealwert) als zwingend erreichbaren Wert vorzugeben, ist in der Praxis selten möglich.

Daher wird ein Zielkostenkorridor definiert, der den zulässigen Spielraum für den jeweiligen Zielkostenindex darstellt. Dabei ist der Korridor so zu gestalten, dass dieser sich mit zunehmender Bedeutung der Komponenten verengt, der Spielraum für wichtige Komponenten demnach kleiner ausfällt. Das wird in Abbildung 3 am Beispiel Fahrrad dargestellt.

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